1980
Nadi Th. Herzog gehören mennigrotblühende Arten (G. primuloides, G. cernua, G. narcissoides) zu dencharaktervollsten Erscheinungen der hochandinen Grasfluren. Sehr eigenartig nimmt sich in den Schuttflurennahe der Schneegrenze die grünblühende G. macorrhiza aus.
Die meist blauen, seltener gelben, weissen oder roten Blüten sind in besonderer Weise durch dentief geborgenen Honig an Hummeln oder Falter angepasst; einzig bei Gentiana lutea liegt der Honig freida und ist allen Insekten leicht zugänglich. Bei den anderen Arten erfolgt die Absonderung des Nektarsentweder am Grunde des Fruchtknotens oder am Grunde der Kronröhre (näheres bei den einzelnen Arten).Bei den Arten der Sektion Endotricha und Comastoma ist der Kronschlund mit starken Fransen besetzt(Fig. 2955 a, b, d); diese neigen sich über dem Blüteneingang zusammen und bilden wohl einen gewissen Schutzgegen ankriechende Honigräuber. Verschiedene einheimische Arten zeigen in auffallender Weise ein wiederholtesrasches Oeffnen und Schliessen ihrer Blütenkronen. Besonders deutlich kommt diese Erscheinung bei Gentiana
nivalis zum Ausdrude, bei welcher Art ein vor«übergehender Sonnenblick oder aber der Schatteneiner Wolke genügt, um das Oeffnen und Schliessen,welcher Vorgang sich in einer Stunde mehrmalswiederholen kann, hervorzurufen. Eine eigent»liehe Lichtempfindlichkeit (Photonastie) ist bei denGentianaceen im allgemeinen mit wenigen Ausnah«men (Centaurium umbellatum, Gentiana eiliata)nicht vorhanden. Immerhin trägt das Licht zuweilenzur vollständigen Entfaltung der Blütenknospenbei. Dagegen sind die Gentianen im allgemeinenfür Temperaturschwankungen (thermonastischeReaktionsfähigkeit) überaus empfindlich. So rea«giert Gentiana utriculosa bereits auf Aenderungenvon 0,25 bis 0,3° C, G. verna und G. Bavaricaauf etwa 1°, G. Clusii auf 1,5°. Das zur nor.malen Blütenöffnung erforderliche Temperatur»minimum beträgt bei G. Clusii 8,5 °, G. verna undG. Bavarica 10,5°, G. Germanica 13°, G. eiliata15°, G. utriculosa 15,5°, G. asclepiadea 17°, G.Pneumonanthe 19°, G. Cruciata etwa 20°. Neuer«dings ist durch Goeb el (Entfaltungsbewegungen,1920) und Bremekamp (Recueil des Traveaux bo«taniques Neerlandais, 1915), namentlich aber durchFriedl Weber (Umschau, 1923 und Oesterr. Botan.Zeitschrift. CXXIII, 1924) und G. Claus (Flora.N. F. Bd. 21, 1926) auf die mechanische oder seis»monastische Reizbarkeit (Stossreizbarkeit) aufmerk«sam gemacht worden. Nach diesen Untersuch«ungen Ist die Empfindlichkeit bezw. das Reak«tionsvermögen auf Stossreiz bei unseren Enzianen in verschiedenem Grade ausgebildet. Auch reagieren die ein.zelnen Blüten — wahrscheinlich je nach ihrem Alter und ihrem Standort — verschieden rasch. Im allgemeinen läuftdie Stossempfindlichkeit der thermonastischen Reizbarkeit parallel (siehe G. nivalis pag. 2026), die bei einer Tempe«raturerniedrigung zum Blütenverschluss führt. Nach einer durchschnittlich 5 bis 10 Sekunden langen Reizdauerwurde nur in wenigen Fällen ein vollkommener Blütenverschluss beobachtet. Es steht fest, dass die seismona«stischen Bewegungen um so rascher verlaufen (zuweilen beginnen sich junge Blüten an warmen, sonnigen Tagenbereits nach 20 Sekunden zu schliessen und erweisen sich nach 40 bis 60 Sekunden als vollständig geschlossen) unddass wohl auch die Empfindlichkeit um so grösser ist, je höher die Lufttemperatur ist und umgekehrt. Nach demGrade der seismischen Empfindlichkeit bezw. der Schnelligkeit der Reaktion stehen G. nivalis, G. verna, G. Bavaricaund G. utriculosa obenan ; eine rasche Reaktion besitzen G. Clusii, G. Kochiana (nach Bremekamp G. quadrifariaBlume auf Java), G. straminea (ebenso Centaurium umbellatum), eine langsame, teilweise unvollständige Reaktion G.asclepiadea, G. Cruciata und G. Germanica. Ueberhaupt keine seismonastische Reizbarkeit zeigen G. lutea, G. pur«purea, G. eiliata, G. Stiriaca, G. serrata, G. Amarella (sowie Swertia perennis, Menyanthes und Nymphoides peltata).Als auslösende Faktoren für den seismonastischen Blütenverschluss kommen unter natürlichen Verhältnissennur Regen (Hagel) und starker Wind in Betracht. Dadurch dürfte der durch die Thermonastie bereits ± sichergestellte Blütenverschluss in seiner Wirkung unterstützt werden. Dagegen wird die Schliessbewegung fast
Fig. 2955. Kronblatt von innen mit den Nektarien bezw. Schlundschuppenvon: a Gentiana tenella Rottb., b G. nana Wulf., c Lomatogo-nium Carinthiacum Wulfen, d Gentiana campestris L., e Lo-matogonium sp. aus Kaschmir (alle Figuren nach R. v. Wettstein).