1874
Die Art ist durch das ganze Gebiet von Mitteleuropa verbreitet, aber meist spärlich und auf grössereStrecken hin fehlend. Sie meidet einerseits sehr sonnige und trockene Gebiete, anderseits die Gebirge.So kommt sie z. B. in Nordtirol nur in der Gegend von Innsbruck vor (hier aber stellenweise häufig), fehltim Böhmerwald und auf der oberbayerischen Hochebene und ist auch in Südtirol selten (steigt bei Brixen bis1150 m). Im österreichischen Küstenland fehlt sie. In Graubünden findet sie sich nur im Vorderrheintal undim untersten Bergell (Castasegna, Soglio).
Allgemeine Verbreitung: Gemässigtes Eurasien bis zum Baikalsee oder nochweiter östlich; in Nord» und Südamerika und Afrika vielfach eingeschleppt. In Europa imNorden bis ins mittlere Skandinavien (6372 0 nördl. Breite), im Süden bis nach Korsika, Sar=dinien, Mittelitalien und in die nördliche Balkanhalbinsel; fehlt der Pyrenäenhalbinsel unddem mediterranen Frankreidi, jedoch noch in den Pyrenäen.
Centunculus zeigt eine Vorliebe für kalkarme Böden; doch ist dieses Verhalten vielleicht physikalischbedingt, als Bedürfnis nach sandig-lehmiger und feuchter Unterlage. In den norddeutschen Heidebeständenist die Art ziemlich verbreitet. Nach P. Graebner ist sie ein häufiger Bestandteil der Erica Tetralix-Heide,Sieglingia decumbens-Heide, des Molinietums, zusammen mit Cicendia iiliformis, Radiola multiflora, Illecebrumverticillalum, oft massenhaft auftretend, dann wieder jahrelang ausbleibend und bei dichterer Besiedlung desBodens verschwindend. Gelegentlich findet sie sich auch in den Calluna-, Empetrum- und Kiefernheiden.Bei der Bildung eines Heidemoores auf feuchtem Sande stellt sie sich frühzeitig ein, mit den oben genannteneinjährigen Begleitern als erste Blütenpflanze auf dem von Algen durchwachsenen Sande. Von ausdauern«den Arten kommen hinzu: Pilularia globulifera, Lycopodium inundatum, Agrostis canina, Molinia caerulea,Carex dioeca und C. Oederi, Scirpus setaceus, Rhynchospora alba und Rh. fusca, Juncus squarrosus undI. supinus, Drosera rotundifolia und D. intermedia, Erica Tetralix, Oxycoccus, Polytrichum juniperinum. Mit derAnsiedlung und Ausbreitung von Sphagnum, also der eigentlichen Moorbildung, verschwinden Centunculusund die übrigen Annuellen wieder. Bei Feldberg in Mecklenburg tritt Centunculus nach Fr. Koppe inAeckern auf, in Begleitung von Riccia glauca, R. bifurcata, R. cristallina, Fossombronia Wondraczekii, Antho»ceros punctatus, A. crispulus und A. levis, Pottia intermedia, P. truncatula u. P. rufescens, Physcomitriumpyriforme, Alchemilla arvensis, Hypericum humifusum. W al d n er erwähnt die Art aus der Hagenauer Gegendim Elsass von Aeckern und Brachfeldern, wo sie in Begleitung von Spergula Morisonii, Brassica Cheiranthus,Medicago minima, Vicia lathyroides, Ornithopus perpusillus, Radiola multiflora, Falcaria vulgaris, CarumBulbocastanum, Jasione montana, Gnaphalium luteo-album, Filago sp., Arnoseris minima, Anthemis Cotula,Artemisia campestris u. a. auftritt. H. A. Krauss gibt aus Tübingen an, Centunculus sei durch Umwandlungder Keuperheiden (Stubensandstein) in Ackerland verschwunden, zusammen mit Thymelaea Passerina, Alsinetenuifolia und Gnaphalium luteo.album. Auch in der Schweiz geht Centunculus nach Walo Koch (in litt.) inKultur- und Naturformationen. In der Nordwestschweiz bis Zürich und Schaffhausen bildet er einen Bestandteildes Centunculo-Anthoceretum punctati meist auf etwas kalkarmen Getreidefeldern der diluvialen Löss- undMoränenböden nach der Ernte, zusammen mit Anthoceros punctatus, A. levis, Riccia» und Pottia-Arten, Juncuscapitatus und J. bufonius, Sagina apetala, S. ciliata, S. procumbens, Gypsophila muralis, Hypericum humifusum,Plantago intermedia, Gnaphalium uliginosum var. pilulare. In der Ostschweiz dagegen findet sich die Artnach dem gleichen Forscher in der Cyperus flavescens Assoziation, welche schlammige Ufer und (sekundär)wenig befahrene, feuchte Rietwege besiedelt, und als Begleiter sind vor allem zu nennen i Triglochin palustris,Cyperus flavescens und C. fuscus, Eleocharis pauciflora, Carex Oederi, C. distans var. neglecta, Juncus bufo-nius und J. compressus, Trifolium fragiferum, Centaurium pulchellum, Planlago intermedia und Leontodonautumnalis. Braun-Blanquet bezeichnet Centunculus im Vorderrheintal als Charakterarl der Parvocyperus.Assoziation auf lettigem, kalkarmem Boden an zeitweilig überschwemmten Stellen am Ufer von Feldbächlein,auf nassen Fusswegen, an oft betretenen Teichen und Hanfrosen, seltener sekundär in feuchten Aeckern.
Die unscheinbare, geruch- und honiglose Blüte wird kaum von Insekten aufgesucht und ist auf Selbst-bestäubung angewiesen. Bei ungünstigem Wetter ölfnet sie sich überhaupt nicht, und der Pollen fällt von denStaubbeuteln auf die Narbe. Die Blüten sind also in diesem Falle kleistogam. Bei gutem Wetter öffnet siesich, und Fremdbestäubung ist möglich. Am Grunde der Krone finden sich 2 silberglänzende Stellen, dieHonigtröpfchen vortäuschen können. Die Samen keimen im Licht wie im Dunkel, allerdings im Licht etwasbesser. Dagegen keimen halbreife Samen viel besser als ausgereifte; bei Kinzel's Versuchen hatten beieiner halbgereiften Saat in 2'/ j Monaten 9S°/o gekeimt, bei der ausgereiften Saat nur 24°/o. Erst im folgen-den Jahr holten die ausgereiften Samen den Unterschied wieder ein. Indem eine Pflanze halbgereifte undausgereifte Samen erzeugt, sorgt sie also zugleich für einen raschen Nachwuchs und für kräftige, Wiederstands«fähige, zur Ueberwinterung geeignete Samen, die sich in latentem Ruhezustand befinden und erst in derkommenden Vegetationsperiode keimen. Vogler nimmt für die Samen Windverbreitung an.