.Die Herbst« resp. Sommerkeimung des E. montanum.Samens wurde durch einen Versuch bewiesen,bei dem ich 100 Samen am 8. VIII. 1912 aussäte und am 15. VIII. drei, am 23. VIII. zehn Keimpflänzchen erhielt.Infolge äusserer Umstände konnte damals der Versuch nicht fortgesetzt werden, weshalb das zahlenmässigeVerhältnis zwischen Herbst» und Frühjahrskeimung nicht angegeben werden kann. Dasselbe scheint je nachden Witterungsverhaltnissen der Monate August und September sehr zu schwanken; trotzdem dürfte imallgemeinen bei E. montanum die Frühjahrskeimung die häufigere sein. Um den Eintritt der Blütezeit ein«wandfrei nachweisen zu können, habe ich dann auf einem Beet Innovationspflanzen, sowie Pflanzen aus Herbst- undFrühjahrskeimung nebeneinander erzogen und konnte die erste geöffnete Blüte bei den Innovationspflanzenam 2. Juni feststellen. Diese waren durchschnittlich 50 cm hoch und hatten 9 bis 11 Blattpaare (ohne Hoch«blätter), während im gleichen Zeitpunkt die Herbstkeimungspflanzen bei 10 cm Höhe 4 bis 5 Blattpaare, dieFrühjahrskeimungspflanzen bei 3 bis 4 cm Höhe nur 2 bis 3 Blattpaare aufwiesen. Die Entwicklung derSamenpflanzen ging von da an verhältnismässig rasch; am 25. Juni zeigten die aus Herbstkeimung hervor,gegangenen die ersten Blüten, und 14 Tage später blühtenauch die Pflanzen, die aus der Frühjahrskeimung stammten.
Bedenkt man nun noch, dass Innovationspflanzen im erstenJahr (d. h. solche, die aus einer erstmals von einer Samen»pflanze gebildeten Innovation stammen) gegenüber gewöhn»liehen Innovationspflanzen in der Entwicklung und damit auchbezüglich des Eintrittes der Blütezeit zurück sind, so ergibtsich die biologisch nicht uninteressante Tatsache, dass der Be»ginn des Blühens in einer kontinuierlichen, wenn auch 4.fachabgestuften Reihe entsprechend den 4 Entwicklungsformenverläuft."
In diesem Sinne also kann man von einem „Saison»dimorphismus" der Weidenröschen, im besonderen eines solchenvon E. montanum, sprechen und zwar sowohl hinsichtlich derTracht als auch der Blütezeit. Diese Verhältnisse tragen nicht uner»heblich dazu bei, die Schwierigkeiten hinsichtlich der Formender Gattung zu vermehren. So muss man ausser bei E.montanum insbesondere auch bei E. obscurum und E. palustrediese Verhältnisse bei der Beurteilung der Formen beachten.
Von den Stengelblättern wesentlich verschieden sinddie an den Innovationssprossen auftretenden Niederblätter.
Sie sind entsprechend ihrer Funktion als Speicherorgane dicklich;ihre wasserreichen Gewebe kommen ihnen während desWinters insofern zugut, als bei tiefen Bodentemperaturen dieWasseraufnahme gestört sein kann, während die direkte Be»sonnung Transpiration hervorruft. Gegen die Winterkältesind sie häufig durch eine rotbraune Anthozyanfärbung ge»schützt und zwar derart, dass bei rosettiger Anordnung derNiederblätter oft nur die vom Lieht direkt getroffenen Stellenrot gefärbt sind.
Auch die Stengelblätter und die Stengel sind beianhaltender, unmittelbarer Sonnenbestrahlung häufig rot über»laufen. In diesem Fall dürfte die Anthozyanbildung als Schutzdes Protoplasmas gegen zu starke Inolation aufzufassen sein.
Diese Umfärbung lässt sich in der Regel auch bei solchen Stöcken feststellen, deren Blüten weiss sind. Dochfand K. Rubner an einem sonnigen Orte inmitten eines Trupps rosablühender E. roseum.Exemplare aus»nahmsweise einige Albinos von auffallend blassgrünem Aussehen, denen jede Spur von Anthozyan fehlte.Die Niederblatter unterscheiden sich von den Stengelblättern, worauf bereits Irmisch (Botanische Zeitung,1847) hingewiesen hat, dadurch, dass sie auf ihrer Unterseite eine vom Mesophyll getrennte Epidermis besitzen.Nachprüfungen von K. Rubner haben dieses Verhalten für eine grosse Anzahl von Innovationen bestätigtund ausserdem ergeben, dass für E. palustre auch unter der Epidermis der Oberseite diese Abhebung besteht.Die auf diese Weise entstandenen Hohlräume können als Schutzeinrichtung gegen Kälte aufgefasst und etwafolgendermassen erklärt werdeni die auch während des Winters stattfindenden Lebensfunktionen der Nieder«blätter erzeugen eine gewisse Wärmemenge, die bei gewöhnlichen Laubblättern bald verloren geht, währendsie in den mit den vorbeschriebenen Hohlräumen ausgestatteten Niederblättern eine länger anhaltende
Fig. 2199. Epilobium montanum L. a Samenpflanzemit Stockknospe, b Aus einer Frühjahrskeimung, c auseiner Herbstkeimung stammende Pflanze (Entwicklungs-zustand bei b und c von Anfang Juni).