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die Griechen durch die Sage der Phädra, der unglücklichen Gemahlin des Theseus, die unter einer Myrtesitzend im Traume Hippolyt von ferne beobachtete, wie er seinen zweiräderigen Wagen bestieg und zurJagd aufbrach. In ihrem Liebesschmerz habe sie die Blätter der Myrte mit den goldenen Nadeln ihrer Haar«flechten durchstochen und sich dann selbst an den Zweigen erhängt. Die Römer übertrugen die Myrte alsSinnbild auf die Göttin Venus und die römischen Frauen schmückten sich am ersten Tage des dieser Göttingeweihten Monats April im Bade mit Myrten. Auch Amor wurde in der Myrte verehrt. Feldherren, dieein fremdes Volk nicht durch Waffengewalt, sondern durch Ueberredung gewonnen oder einen verächtlichenGegner (Sklaven, Seeräuber usw.) besiegt hatten, trugen bei dem sog. „Kleinen Triumph" (ovdtio) nicht densonst üblichen Lorbeer«, sondern einen Myrtenkranz. Als Marcus Crassus im Jahre 71 v. Chr. das unterSpartakus fechtende und durch Zuzug aus Fechterschulen auf 120000 Mann herangewachsene Sklavenheerbesiegt und die Ueberlebenden sämtlich gekreuzigt hatte, erlangte er als besondere Gunst des Senates dieErlaubnis, bei seiner „Ovation" einen Lorbeerkranz an Stelle der „coröna ovälis" tragen zu dürfen. Bei solchenOvationen, sowie bei Vermählungen wurden kleinblätterige Myrten verwendet, während die grossblätterigeForm zu Kränzen und Girlanden für Verstorbene diente (Totenmyrte). Dieser „unchristliche" Brauch hatsich trotz des Verbotes der Kirchenväter bis auf den heutigen Tag erhalten. Bei Theophrast und vielenseiner Nachfolger wird die Myrte in die besondere Pflanzengruppe der Kranzgewächse (Stephanomata) gestellt.Auch bei Plinius erscheint sie unter den Pläntae coronäriae. Die Gebeine der Mondgöttin Europa wurdenam Feste der Hellotia auf Kreta in einen riesigen Myrtenkranz gehüllt und feierlich herumgetragen. Zu demgrossen Totenfeste zu Plataeae schaffte man ganze Wagenladungen voll Myrte herbei. Scipios Grab beiLiternum war von einer Myrte beschattet. Der Sage nach sollen auch Myrtenbäume aus Gräbern hervor»gewachsen sein. Die Türken verwenden die Sträucher noch gegenwärtig als Grabschmuck. Bei den Römernhatte die Myrte auch kulinarische Bedeutung. So rühmt Plinius Wildschweinbraten mit Myrtensauce.
Nach Mitteleuropa gelangte die Myrte erst ziemlich spät. Die Heilige Hildegard von Bingenerwähnt zwar einen „mirtelbaum" •, da dieser aber auch zum Bierbrauen gebraucht wird, so ist nach Fischer»Benzon wahrscheinlich dieselbe Pflanze gemeint, die Albertus Magnus als „mirtus" und Konrad vonMegenberg als „myrtus" und „mirtelpaum" beschreibt. Gemeint ist dabei Myrica Gale (Bd. III, pag. 11),die in den nordischen Ländern zum Brauen benützt wurde. Als Brautkranz kommt die Myrte erst im 16. oder17. Jahrhundert und zwar sehr langsam in Aufnahme. Lucas Martini kennt in seinem 15S1 erschienenenBüchleins .Der christlichen Jungfraun Ehrenkränzlein, darinnen alle jre tugenten durch die gemeine Kräntzblümleinabgebildet und erklert werden" den Brauch noch nicht. Ebenso ist er noch nicht in dem von Joh. Comariusstammenden, 15S3 in Magdeburg erschienenen Werkes „Christlicher Braute, Brautgam und Eheleute, Braut undEhe Crentzlein" und in den von Abraham a Santa Clara aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts stammendenSchriften verzeichnet. Es scheint, als ob die Myrte zuerst nach den mit der Levante, Griechenland und Italienin regen Handelsbeziehungen stehenden Städten Nürnberg und Augsburg gelangt ist, da diese beiden Städtedas Vorrecht in Deutschland besassen, Zweige für Brautkränze zu kaufen. Auf sog. Brautdecken des 15. und16. Jahrhunderts, seidenen Tischdecken, die den Fugger'schen Webereien entstammen sollen, sind Myrtenkränzemit frommen Sprüchen eingewoben und eine Tochter Jakob Fugger's soll 1583 die erste gewesen sein, diestatt des damals üblichen Rosmarinkränzchens einen seinerzeit sehr kostbaren Myrtenkranz trug. Diese Sittefand, wenn auch sehr langsam (wohl wegen der gesetzlich festgesetzten Höchstausgabe bei Hochzeiten), zunächstim Bürgerstande, später auch beim Adel Eingang. Noch 1760 galt es als etwas sehr Vornehmes, als die Tochterdes Stadt-Syndikus von Halberstadt an ihrem Hochzeitstage hoch oben auf dem „Toup£e" mit einem kaumhandtellergrossen Myrtenkrönchen erschien. Und dieses bestand nur aus künstlich nachgemachten (1) Zweigen,die aus Paris bezogen worden waren. In England soll die Myrte seit etwa 300 Jahren in Pflege sein. Dichterhaben die Pflanze oft besungen („die Myrte still und hoch der Lorbeer steht") und Balsac ruft den Ver»leumdern der Poesie zu: Kultivieren wir Oliven und Wein, aber reissen wir darum nicht Rosen und Myrtena us! Gegenwärtig ist die Pflanze bei hoch und niedrig beliebt. Sie gilt nicht nur als die Pflanze der Hoffnung,sondern als Deuterin für des Lebens Glück und Unglück. Br a tranek (Aesthetik der Pflanze) bezeichnet sie aucha ' s „Pflanze der Reminiszenz", da ihr Anblick versunkene Bilder wieder hervorrufe. Auch als SchönheitsmittelSilt sie noch heute vielerorts. In Italien, Griechenland und vielen anderen Ländern glaubt keine vornehmeFrau ohne das durch Destillation aus Laubblättern und Blüten gewonnene Engel« bezw. Myrtenwasser (eaudange) leben zu können. Echtes Myrtenwasser wird nach G. W. Askinson (Die Fabrikation der ätherischenOele, 1901) gegenwärtig nur in Südfrankreich unter den Namen „Eau de myrthes" erzeugt und in den Handelgebracht, während die gewöhnlichen Myrtenparfüme des Handels in der Regel Zusammensetzungen versch edenerOele sind, unter denen aber das eigentliche Myrtenöl fehlt. Die Kultur der Myrte als Topfpflanze ist ausserordentlichleicht (Fig. 2185). Doch wird vielfach der Fehler begangen, die Pflanze über Winter in überheizte Räume zustellen, wodurch die Zweige sehr langgliederig werden und sich sehr häufig massenhaft Schildläuse einstellen.Ausserdem darf die Topferde nie austrodenen, sondern muss ständig leicht feucht sein. Bei Umpflanzungen