Druckschrift 
5,2 (1926) Dicotyledones : (III. Teil)
Entstehung
Seite
684
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

6S4

und dem Mehl zugesetzt. In wasserarmen Gegenden oder in den trockenen Jahreszeiten dienen die wasser.reichen Glieder der Opuntien (Mexiko) oder die grossen Echinokakteen (Campos von Brasilien) dem Weideviehsowie den halbwilden Pferden und Mauleseln als durstlöschendes Mittel, weshalb im Texas und Mexiko dieStrassen den Opuntien.Kolonien entlang angelegt werden. Ebenso liefern verschiedene Opuntien ein wichtigesFutter für das Rindvieh, wie auch für die Straussenzucht. Nicht wenige Arten der Gattungen Opuntia und Cereus(vor allem solche, die zugleich essbare Früchte liefern) dienen zur Herstellung von lebenden Hecken und alsUmzäunungen. Die Stacheln verwenden die Eingeborenen als Zahnstocher, Stricknadeln, Kämme, Haarbürstenusw. Der sehr leichte Holzzylinder von abgestorbenen Cereus=Arten wird in den holzarmen Gebieten alsBrenn» und Bauholz (zu Türen, Schwellen, Steuerrudern), in Peru, in Wachs oder Pech getaucht, zur Beleuchtung(Fackeldisteln") verwendet. Mehrere Arten schwitzen ein tragantartiges Gummi (Goma di Tuna) aus, das in Vene=zuela und in Westindien gesammelt wird; andere Arten sind durch das Auftreten krampferzeugender oder lähmenderAlkaloide ausgezeichnet, wie das Anhalin (C10H17NO), das Pectenin (bei Pachycereus pecten.aboriginum [Engelm.]Britton et Rose festgestellt), das amorphe Pilocerein CsoHuNtOi (bei Lophoc6reus Schöttii [Engelm.] Britton et Rosevon Heyl aufgefunden), Anhalonin (CisHisNO«), Pellotin (CisHigONs), Mescalin (C11H17NO«), Anhalonidin (C12H15NOs), Lophophorin (CuHnNOs) und Anhalamin (C12H15NO») sowie durch glykosidische Saponine (Cereünsäure)-Dadurch erhallen diese toxische Wirkungen und besitzen auch als Heilmittel Bedeutung, Ausserdem führen zahl»reiche Arten Milchsaft oder enthalten Calciumoxalat (in der Trockensubstanz von Cephalocereus senilis 80 bis90%)> Calciummalat, Schleim (Araban, Bassorin), rote Farbstoffe usw. Die abgeschnittenen, in Scheiben geteiltenund getrockneten, stark behaarten Köpfe der in Nordmexiko, in Arizona, Texas und Arkansas (im Gebiete desRio bravo del Norte, Rio Grande und Pecos) vorkommenden, kleinen, nur wenig aus dem Boden hervor-ragenden Art Lophophöra Williämsii (Lern.) Coulter (= L. Lewinii Thompson, = Echinocäctus WilliämsiiLern., = Anhalönium Lewinii Hennings) liefern die Droge Anhalönium, auch Mescal buttons, Mezkalbottom,Pellote, Peyotl (pi = zart und yautli = betäubend), Peyote, Pellete, Jicuri, Hick.o.li, Wowoki, Seni, Devils root,Challote (Texas), Dumpling cactus geheissen, die bei vielen Indianerstämmen und Eingebornen Amerikas, so beiden Chichimeken, Huicholen, Tarahumari, Comanchen, Kiowas in Arkansas, seit Jahrhunderten bis zum heutigenTage als narkotisches Berauschungsmittel bei religiösen Zeremonien, Prozessionen, Tänzen und nächtlichen Gelageneine wichtige Rolle spielt. Bernardo Sahagun hielt diesen Kaktus im 16. Jahrhundert für einen Pilz und nannteihnteonanactl" odersacred mushroom" (= heiliger Glückspilz). Trotz des Verbotes der amerikanischenRegierung ist dasMeskalkauen" bei den Indianern im Süden noch allgemein üblich; der Genuss ruft wie jenervon Haschisch eigenartige farbige Visionen hervor, verbunden mit einer Verlangsamung des Pulses, einer Er«Weiterung der Pupille, Verlust des Zeitsinnes, Ekel, und Schwindelanfälle usw. Im 17. Jahrhundert wurde Peyotl inMexiko allgemein zu Zaubereien und Weisungen benützt. Heute wird die Droge Anhalönium in Amerika (zuweilenauch in Europa) innerlich bei Angina pectoris, asthmatischer Dyspnoe, Pneumothorax, Fieber, Hustenreiz, alsCardiacum zur Erzeugung eines Traumzustandes ( Anhaloniumrausch") sowie als Abortivum, äusserlich zu Kata-plasmen bei allen möglichen schmerzhaften Affektionen, schliesslich zum Ertragen von körperlichen Anstrengungenverwendet. Nach den Untersuchungen von L. Lewin, A. Heffter und Michaelis dürften als Stammpflanzender DrogePeyotl" mindestens 2 Arten (chemische" oderphysiologische Arten") in Betracht kommen, die aller,dings fast nur in ihren chemischen Bestandteilen wesentliche Unterschiede aufweisen (Näheres hierüber bei Hart,wich, C. Die menschlichen Genussmittel. Leipzig, 1911). Von den 7 festgestellten Alkaloi'den ist das Meskalin daswichtigste. Lophophora Williämsii gehört zu der Tribus der Echinocactanae und steht der merkwürdigen GattungAriocarpus mit den aloeartigen Warzen am nächsten. Der kugelige oder am Scheitel etwas abgeflachte Körperist vollständig stachellos (nur die Sämlinge tragen einige borstenartige Stacheln) und trägt auf den breiten,abgerundeten Rippen (7 bis 13) niedrige Höcker und auf dem Scheitel einen Haarbüschel und rosarote Blüten.

Seit dem Jahre 186S steht in Europa auch die Droge H6rba Cäcti grandiflöri von dem in Mexiko,Zentralamerika und Westindien heimischen Selenic6reus (Cereus) grandiflörus Mill. (Königin derNacht) und zwar bei Herz, und Nervenleiden (als vorzügliches Stimmulans und Herztonicum), dann alsSpezificum bei Angina pectoris in Gebrauch. Als Volksmittel wird der scharfe Saft bei Blasenleiden, Wasser,sucht, bei Würmern, äusserlich bei Rheumatismen empfohlen. Die nach Sharp allerdings alkoloidfreie Drogeenthält wahrscheinlich ein glykosisches Herzgift und kann deshalb als teilweiser Ersatz von Digitalis dienen.

Bei M a c h a e r o c 6r eus gummösus (Engelm.), der als Fischgift benutzt wird, fand Heyl ein der Quillaia«säure ähnliches Saponin. Mehr indirekt als Wirtspflanzen der Cochenille oder NopahSchildlaus (Dactylöpiuscöccus Costa, = Cöccus cäcti aut., = Diaprostßrus cöccus Costa Pontano, = Pseudocöccus cacti Westwood)haben verschiedene Opuntien (Nopal.Kakteen"), vor allem Nopälea (Opuntia) cochenillifera (L.) Salm-Dyck,dann OpuntiaTüna Mill., O. vulgäris Mill., O. monaeäntha Haw., O. decumäna Haw., Peireskiaa c u 1 e ä t a Will. u.a. Bedeutung. Die Cochenillezucht wurde ehedem besonders in Mexiko (Oaxaka, Veracruz),

*) Griedi. Xucpog [löphos] = Kamm und (fogeiv [phorein] = tragen.