Druckschrift 
5,1 (1925) Dicotyledones : (III. Teil)
Entstehung
Seite
593
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

593

Durch den Kohäsionsdruck werden die in 5 Reihen auf den Plazenten sitzenden, glatten Samen heraus»gepresst und einer nach dem anderen herausgeschleudert, bis zuletzt die beiden Ränder jeder Klappe einanderberühren. Bei den meisten Arten (am wenigsten bei V. canina, V. persicifolia, V. uliginosa und V. palustris)wächst die Raphe zu einer grossen, hahnenkammförmigen, weissen, ölreichen Samenschwiele (Strophiole) aus,die aus langgestreckten, an fettem Oel reichen, dünnwandigen, durch Tüpfeln verbundenen Zellen besteht.Dieser Oelkörper (Elaiosom) wird, wie Kerner, Lagerheim und Sernander gezeigt haben, von Ameisen(besonders Lasius niger und L. fuliginosus und Formica.Arten) derart geschätzt, dass sie nicht nur die aus«geschleuderten Samen sammeln und in ihre Nester tragen, sondern zuweilen selbst aus den Fruchtklappenherausholen. Sernander fand vor einem einzigen Nest von Lasius niger im Botanischen Garten zu Upsalagegen 300 Samen verschiedener Viola.Arten, deren prozentuale Verteilung dem Abstand der Pflanzen vomNest entsprach. Bei künstlicher Entfernung der Elaiosome werden die Samen von den Ameisen meist gar nichtbeachtet. Am vollkommensten ist die Myrmekochorie bei den Acaules eflagellatae und A. flagellatae entwickelt,die schon Grenter als besondere Gruppe Hypocarpeae zusammengefasst hat. Bei diesen ist der Schleuder»mechanismus gänzlich verloren gegangen. Das mechanische Gewebe ist auf V 6 bis V 8 der Wanddicke reduziert,wogegen das Assimilationsgewebe stark vergrössert ist (Fig. 2049b). Die grossen, kugeligen, oft behaartenKapseln richten sich bei diesen Arten auf den hiezu viel zu schwachen Fruchtstielen nicht auf, sondern senkensich auf den Boden. Diejenigen der kleistogamen Blüten können sich sogar z. T. im Boden entwickeln. Näheresüber die Myrmekochoren vomViola odorata»Typus" (die Veilchen mit Schleudermechanismus gehören zumEuphorbia.Typus") bei R. Sernander. Den Skandinaviska vegetationens spridningsbiologi (Berlin und Upsala1901) und Entwurf einer Monographie der europäischen Myrmekochoren (K. Svenska Vetenskapsakad. Handl.Bd. VLI, 1906). Neben der Synzoochorie, zu der die Myrmekochorie zählt, kommt besonders bei Artenvom Euphorbia.Typus auch Endozoochorie vor. So wird nach Aug. Heintze V. tricolor von Kühen undHirschen, wohl auch von Pferden und V. biflora im Norden von Renntieren, in den Alpen wohl durchZiegen und Gemsen verbreitet. Borzi beobachtete, dass die Samen auch typisch myrmekochorer Arten wiedie von V. odorata und V. sepincola endozoisch verbreitet werden und zwar von Eidechsen (Lacerta agilis, L. muralisund L. viridis); sie sind also wie auch z. B. manche Araceen und Cactaceensaurochor". Die Keimungscheint bei den meisten Arten nach den Versuchen von Kinzel durch Belichtung der Samen in hohem Gradbegünstigt zu werden. Bei der von unseren Arten mit der kleinsten Lichtmenge auskommenden Viola biflorakann das Licht durch massigen Frost ersetzt werden. Abweichend scheinen sich auch die Hypocarpen zuverhalten, deren Samen naturgemäss viel weniger belichtet werden. Sie keimen meist nur sehr langsamund spärlich und ertragen (wenigstens die wärmeliebenden Arten wie V. collina) nur geringe Abkühlung.

Bildungsabweichungen sind recht häufig. Wurzelsprosse wurden z. B. wiederholt durch Wydler,Irmisch, Warming u. a. bei V. canina und V. silvestris beobachtet. Ferner wurden festgestellt: Spaltungvon Laubblättern, Verwachsungen von Nebenblättern, Bildung von mehreren Blüten in den Achselnder Vorblätter (von Kirschleger beobachtet), Fasciationen usw. Besonders häufig wurden Pelorien, teilsohne, teils mit mehreren Spornen beobachtet, auch Vergrünungen, Synanthien und Durchwachsungen vonBlüten (vgl. V. tricolor, V. canina, V. silvestris und V. odorata).

Von Parasiten treten auf zahlreichen Viola»Arten auf die Rostpilze Puccinia violae (Schum.)DC., die keine wesentlichen Deformationen erzeugt, und Urocystis vi'olae (Sow.) Fischer von Waldh., dieLaubblätter und Blütenstiele auftreibt und verkrümmt, die Algenpilze Peronöspora vi'olae De Bary, Synchytriumaüreum Schroet. und S. globösum Schroet.; Blattrollungen und Filzgallen erzeugende Gallmücken (Perrisiaaffinis Kieff. auf den Nomimium»Arten) und Gallmilben (z. B. Eriöphyes violae Nal.) und auf den Melanium"Arten die Sprossgallen erzeugende Perrisia violae Kieff. (= Dasyneüra violae Löw). Eine Blattfleckenkrankheitvon V. tricolor erzeugt Cercöspora macröspora. Zahlreiche andere Schmarotzer treten nur auf einzelnenArten auf, deren isolierte Stellung sich auch hierin kundgibt (vgl. V. biflora und V. palustris).

Als Zierpflanzen werden kultiviert: a) aus der Sektion Melanium: V. tricolor (pag. 596), V. lutea(pag. 604), V. gracilis (besonders die subsp. Olympica [Griseb.]; vgl. V. Dubyana [pag. 608]), V. cornuta (pag. 614),V. calcarata (pag. 609) und deren Bastarde (pag. 615), ferner die folgenden: V. A11 ä i c a Ker»Gawler (= V. or^adesBieb., = V. speciösa Schrad., = V. acaülis hört.). Fig. 2C64c bis g. Aehnlich der V. calcarata, aber in allen Teilengrösser, nur der Sporn kürzer, kaum länger als die Kelchanhängsel. Heimat: Taurien, Kaukasus, Armenien,Transkaukasien, Turkestan, Tianschan, Altai. Diese schon von Tournefort alsV. orientälis montana grandi«flöra" beschriebene Art ist um 1810 aus Russland in England eingeführt und seit 1816 zur Veredlung derGartenstiefmütterchen verwendet werden. Von ihr stammen u. a. die dunkle Laub« und die tief violettblaueKronfarbe vieler Gartenstiefmütterchen. Rein wird die Art nur noch selten kultiviert. V. Battandi^ri 1 )

*) Benannt nach dem algerischen Botaniker M. A. Battandier. Am bekanntesten von seinenSchriften ist die zusammen mit L. Trabut verfasste Flore de l'AIgerie (grosse Ausgabe mit Nachträgen1888 bis 1910, kleine Ausgabe 1902).