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Wie bereits oben bemerkt, ist die Stechpalme eine .sekundär" diözische Pflanze, d. h. die Zwei*häusigkeit ist aus einem ursprünglichen Hermaphroditismus durch Verkümmerung des einen Geschlechtes (desAndrözeums bezw. des Gynäzeums) entstanden. Die Vermutung von Bonnier, dass in den männlichenBlüten das verkümmerte Gynäzeum (Pistillodium) die Rolle eines Nektariums übernommen habe, scheintnicht richtig zu sein. Loesener sieht in dem Beibehalten der jeweils funktionslos gewordenen Geschlechts«Organe in den Ilex«Blüten nur den Einfluss des anderen Geschlechtes der Stammeltern (also bei weiblichen Indi-viduen den Einfluss des .Vaters" = der pollenliefernden Pflanze und umgekehrt). Was das Vorkommenbetrifft, so scheinen die männlichen Exemplare häufiger zu sein als die weiblichen. Vielleicht rührt dies z. T.auch daher, dass diese wegen ihrer schön korallenroten Früchte mehr Nachstellungen ausgesetzt sind als jene.Nach einer Beobachtung, die Foerster an einer der grössten in Deutschland bekannten Stechpalmen (Dr.Foerster«Hülse in Mittel«Enkeln; vgl. unten) machte, kann die Pflanze ihr Geschlecht wechseln. 1911 trugder genannte Baum eine Menge roter Früchte, 1916 konnte Foerster nur männliche Blüten an dem gleichenIndividuum entdecken. Es wäre sehr wertvoll festzustellen, ob hier ein Ausnahmefall vorliegt oder ob sichein solcher Wechsel des Geschlechtes in gewissen Zeiträumen auch an anderen llex-Exemplaren wiederholt.Dass die männlichen Stechpalmen in der Blatt« und Blütenregion stärker verzweigt sind als die weiblichen,erklärt Loesener damit, dass diese einen grossen Teil der aufgenommenen Nahrung auf die Bildung derFrüchte verwenden müssen. Die Honigabsonderung sowohl der männlichen wie der weiblichen Blüten ist gering ;als Blütenbesucher wurden vor allem Bienen und Wespen beobachtet.
Die Samen der Stechpalme scheinen z. T. durch Vögel (Drosseln, Wildtauben), die die Früchte fressen,die Samen aber wieder unverdaut abgeben (endozoische Verbreitung), verbreitet zu werden. So nimmt z. B.Sernander an, dass der (oben erwähnte) weit vorgeschobene Standort der Stechpalme bei Christiansunddem Transport der Samen durch Vögel seine Entstehung verdanke. Bei uns werden die Stechpalmenfrüchtewohl nur in sehr harten, schneereichen Wintern (wie sie jetzt selten sind) von den Vögeln verzehrt. Foersternimmt an, dass für die Keimung eine Wanderung der Fruchtkerne durch den Vogeldarm unbedingt not«wendig sei. Nach Keimungsversuchen von Loesener ist dies jedoch nicht der Fall. Die Keimung erfolgt nursehr langsam, gewöhnlich erst nach 1 '/» bis 2 Jahren. Der Keimungsvorgang wird zwar durch Licht begünstigt,jedoch wird der Beginn des Keimungsprozesses durch Licht nicht beschleunigt. Nach Kinzels Versuchen ver«zögerte Dunkelheit die Keimung so sehr, dass auch nach 4 Jahren noch 15°/o ungekeimter Samen vorhandenwaren, während nach 2 Jahren im Lichte innerhalb von 3 Monaten 100°/o der Samen keimten. Auffällig erscheintes, dass man selbst in Gebieten, wo die Stechpalme häufig wächst, in der freien Natur nie oder nur äusserstselten aus Samen hervorgegangene Keimpflanzen antrifft. Bei wildwachsenden Pflanzen erfolgt die Vermehrungmeist durch Wurzelausschläge. Das Fehlen wildwachsender junger Keimpflanzen führt Loesener teils aufdie grössere Seltenheit der weiblichen Individuen, teils auf klimatische (und forstliche) Gründe zurück.
Da die Stechpalme eine vielfache Verwendung (vgl. unten) findet, ist ihr Bestand, auch in Gegenden,wo sie keine Seltenheit ist, oft sehr bedroht. Sie verdient jedoch als „Naturdenkmal" besonders an ihrer Ost«und Nordgrenze allen Schutz. Tatsächlich ist auch die Stechpalme in vielen Gegenden (z. B. in Elsass.Lothringen,im Bergischen, im Rechtsrheinischen Bayern, in der Rheinpfalz, im Regierungsbezirk Hildesheim [seit 1923], inVorarlberg) durch gesetzliche Massnahmen (ortspolizeiliche Vorschriften usw.) bis zu einem gewissen Gradegeschützt. 1 ) Ganz besonders verdienen alte Stechpalmen«Bäume diesen Schutz. Einer der schönsten und grösstenbisher in Deutschland bekannten Stechpalmen-Bäume ist die „Dr. Foerster-Hülse" in Mittel-Enkeln bei Kürten,Kreis Wipperfurth, Reg.-Bez. Köln. Der Baum hat eine Höhe von 10 m und 1,30 m über dem Boden einenUmfang von 1,45 m. Der astfreie Teil des Stammes ist 2 m hoch. Er ist genauen Nachforschungen zufolgeurwüchsig und als Rest eines alten Waldbestandes anzusehen. Diese Stechpalme hatte im Jahre 1910 weiblicheBlüten, im Jahre 1916 dagegen konnte Foerster nur männliche Blüten feststellen, so dass hier ein „Geschlechts.Wechsel" vorliegt (vgl. oben). Ein anderer alter Baum von 10 m Höhe und 1,36 m Umfang steht im Hohe"holz bei Kettwig vor der Brüdse im Kreise Mettmann, Reg.-Bez. Düsseldorf; bis 15 m hohe Bäume werdenvon Westerholt im Bergischen angegeben. In Schleswig-Holstein findet sich der stärkste Stamm (1,20 m Um-fang in 40 cm Höhe über dem Boden) im Gehege Stauen bei Salzau (nach Willy Christiansen). In denBayerischen Alpen wachsen von Elbach (Bezirksamt Miesbach) zur Sternplatte im Forstbezirke Kaisill herrliche,10 m hohe Bäume, ebenso bei der Schuhbräualm (Berichte der Bayer, botan Gesellschaft. Bd. 14 [1914], S. 130).
Die Zweige der Stechpalme (vor allem solche mit Beeren) werden besonders in der Kranzbinderei(zu Totenkränzen), zur Ausschmüdcung bei Festlichkeiten, als frisches Grün an Weihnachten (sehr oft auch alsWeihnachtsbaum), am Palmsonntag usw. benützt. Durch diese Verwendung wird der Bestand dieser inunserer Flora einzig dastehenden Pflanze, wie schon oben bemerkt, sehr gefährdet. Besonders im Rheinland
') Foerster, H. Die Hülse oder Stechpalme, ein Naturdenkmal (Naturdenkmäler. Vorträge undAufsätze. Heft 13. Berlin [Gebr. Borntraeger], 1916. 47 S.).