und von Belichtung und Schwerkraft unabhängig. Audi die Entfaltungsfolge der Krön« und Staubblätter, in dersich eine versteckte Zygomorphie („Kryptodorsiventralität" nach Goebel) äussert, kann durch experimentelleEingriffe wie Exstirpationen nicht verändert werden. Die teleologischen Deutungen dieser Bewegungen sindnach v. Goebel (Entfaltungsbewegungen 1920, pag. 312) und W. Troll (Diss. München, 1921) gänzlich hinfällig;es handelt sich vielmehr um einen periodischen Wachstumsvorgang. Als Bestäuber kommen kleine Hyme»nopteren (bisweilen aber auch Bienen und Wespen) sowie nach Schulz Käfer in Betracht. Die Keimungerfolgt nach K i n z e 1 langsam und wird durch Dunkelheit und Frost begünstigt. — Die Raute ist gleich mehrerenscharf riechenden Umbelliferen eine der Hauptnährpflanzen der Schwalbenschwanzraupen (Papilio Machdon).— Die sowohl auf den Sprossen wie an allen Blütenteilen reichlich vorhandenen, durch Auflösung kugeligerZellgruppen entstehenden Sekretbehälter enthalten das stark duftende Rautenöl (Oleum Rütae, essence de rue),das aus dem frischen, vor dem Aufblühen gesammelten Kraut durch Destillation mit Wasserdampf zu etwa0,06 °/o gewonnen wird. Es ist farblos, gelblich oder grünlich mit schwach blauer Fluoreszenz, von scharfem,bitterlichem Geschmack und Geruch und hat ein spezifisches Gewicht von 0,83 bis 0,85. Es besteht zum aller«grössten Teil aus Methylnonylketon. Daneben sind Methylheptytlketon (in deutschem Oel zu etwa 2,4°/o, inalgerischem Oel, das besonders von R. montana L. stammt, zu mehr als die Hälfte), Caprylsäure, Phenole,Ester usw. vorhanden. Die Gelbfärbung der Sprosse und Blüten rührt von dem gelben, sauren Glykosid desQuercetins, dem Rutin (C27 Hso Che -f 2Hs O) her. Dieses wurde 1842 zum erstenmal durch Weiss nachgewiesen.Später liess es sich auch in den Blütenknospen von Capparis spinosa, Fagopyrum sagittatum, SophoraJaponica usw. feststellen. Der technische Wert ist gering. Das Oel wurde bereits im 16. Jahrhundert (Berlin1574, Frankfurt a. M. 15S2, Nürnberg 1589) gewonnen; die Anwendung der Pflanze ist jedoch viel älter.Theophrast, Plutarch, Galen, Columella, Dioskurides, Plinius u.a. berichten darüber. Dieafrikanischen Namen (ägyptisch: epnubu, syrisch: harmala, bessasa usw.), die Dioskurides überliefert, dürftensich freilich auf Peganum Harmala (pag. 41) beziehen. Nach Plinius soll Mithridates von Pontus die Heilkräfteder Pflanze entdeckt oder doch als erster allgemein bekannt gemacht haben. Schon im Altertum wurde sie allgemeinals wärmend, blasenziehend, Antispamodicum, Nervinum, Diaphoreticum, Diureticum, Emmenagogum, Abortivum,Anthelminthicum, Antisepticum, Gegengift gegen Schlangenbiss usw. in mannigfacher Form angewandt.Aeusserlich wurde sie inbesondere in Form von Salben gegen Kopfweh, Augen« und Ohrenleiden usw. ge«braucht. Frühzeitig gelangte die Raute auch über die Alpen, sie wird in mehreren Garteninventaren des 9.und 10. Jahrhunderts angeführt. Ganz besonders scheint die Schule von Salerno (Schola Salernitana) im13. Jahrhundert zu ihrer Popularität beigetragen zu haben. Einige ihrer Sprüche lauten im Original und ineiner Uebersetzung aus dem 17. Jahrhundert:
Salvia cum Ruta faciunt tibi pocula tuta.
Salbei und Rauten vermengt mit Wein, lassen dir den Trunk nicht schädlich sein.
Nobilis est Ruta, quia lumina reddit acuta.
Der Rauten Tugend ist die Augen heiter machen, durch Hülf der Rauten sieht der Mensch dieschärfsten Sachen.
Foeniculus, Verbena, Rosa, Chelidonia, Ruta, Subveniunt oculis dira caligine pressis, ex istis aquafit, quae lumina reddit acuta.
Der Fenchel und das Eisenkraut, die Ros, das Schellkraut und die Raut sind dienstlich dem Gesicht,das Dunkelheit anficht. Hieraus ein Wasser zubereit, das bringt den Augen Heiterkeit.
Es würde viel zu weit führen, hier alle Anwendungsarten der Raute die z. B. Tabernae«montan auf 8 l /s Folioseiten mitteilt, wiederzugeben. Trotz des wenig angenehmen, besonders auch denKatzen, Mardern und Ratten widerlichen Geruches, wird die Pflanze doch da und dort als Gewürz zu Salat, Backe»reien usw. verwandt. Ausser gegen Erkältungen, Augen» und Ohrenleiden und Verdauungsstörungen wurde sieinsbesondere gegen Eingeweidewürmer des Menschen und Pferdes, gegen Pest und andere ansteckende Krank»heiten, gegen Epilepsie, Gicht, als Antiaphrodisiacum und als Abortivem gebraucht, besonders als letzteresauch heute noch da und dort im Volk. In Süddeutschland und in den Alpenländern wird sie auch wie dieauch sonst ähnlich gebrauchten Rosmarin, Lavendel, Wermut, Eberraute usw. zu „Riechsträussdien" verwendet.Der englische Franziskanermönch Bartholomaeus, ein typischer Vertreter der im 13. Jahrhundert herrschendentheologisch»naturwissenschaftlichen Schule, berichtet im Anschluss an die Beschreibung des allen lebenden Wesenden Tod bringenden Basilisken (eines Fabelwesens), dass dieses Tier einzig vom Wiesel bezwungen werdenkönne, falls letzteres zuvor Raute gefressen habe. Der ärztliche Gebrauch der Weinraute ist gegenwärtig,selbst in der homöotherapeutischen Schule sehr beschränkt, da die Nebenwirkungen des Krautes unangenehmsind. Bei gesunden Menschen bewirkt die aus der frischen Pflanze gewonnene Tinktur heftiges Hautjucken undAusschläge, Erscheinungen, die bei empfindlichen Leuten schon durch längeres Berühren der Laubblätter hervor»gerufen werden. Die Tinktur bewirkt ferner das Auftreten melancholischer Stimmungen, lebhafte Träume,Störungen der Nachtruhe, Tagschläfrigkeit, migräneartige Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, krampfhaftes Zucken