Gewebe. Bei der gemischten Röste wird das Flachsstroh einer kurzen Tauröste unterworfen, hierauf beitrockener Witterung geriffelt, gebündelt und dann einer Nachröste im Wasser unterworfen, welche je nach derTemperatur des Wassers in 3 bis 7 Tagen vollendet ist. Bei der amerikanischen oder Warmwasserröste werdendie Bündel 2 bis 3 Tage lang (50 bis 60 Stunden) in grosse Bottiche gebracht, deren Wasser auf 27 bis 36° Cerwärmt ist. Die Warmwasserröste oder Dampfrotte wird abwechselnd mit heissem Wasser oder mit Wasser,dampf (Watt'sche Methode) in eisernen Retorten vorgenommen, bei welchem Verfahren der Rös*prozess bereitsnach 48 Stunden beendet sein kann. Bei der sogenannten „Kanalrotte" (Schneidersches Verfahren), die jetzt inDeutschland vielfach angewendet wird, erfolgt das Rösten in zirka 4'/ j Tagen in fliessendem, warmem Wasservon 30 bis 35° C. Bei einem neueren Verfahren von Ruschmann und Tobler (Faserforschung. Bd. I, 1921)wird in die Röstflüssigkeit ein kräftiger Luftstrom eingeführt und dadurch eine aerobe Pektingärung bewirkt. Alslästiger Umstand wird bei dieser Rotte die Abscheidung grosser Mengen eines zähen Schleimes erwähnt. Eine erste,allerdings unbewusste Andeutung dieser Röste in Wasser mit Durchlüftung war im 17. Jahrhundert im Alten,lande (Herzogtum Bremen) im Gebrauche. Dort wurden nämlich nur solche Gräben zur Röste gewählt, dieviel Kraut, vor allem viel „Bickelbar" (Ranunculus aquatilis) enthielten, wodurch die Flachsbündel nicht un-mittelbar mit dem Morast des Grabens in Berührung kamen, während andererseits durch diese untergetauchtePflanzendecke ein lebhafter Gaswechsel bedingt wurde. Das Wesen der von Krais empfohlenen biologischen„Sicherheitsröste" besteht in der Abstumpfung der bei der Röste entstehenden Säuren (Essig., Butter» undIsovaleriansäure) durch Alkalien. Dieses Verfahren verläuft sehr rasch und geruchlos; auch wird eine schönereFaser erzielt. Bei einer in Schweden eingeführten Methode als Nebenprodukte werden Aceton, Wasser undParaffin gewonnen.
Das Wesen der Röste besteht beim Flachs (ebenso beim Hanf) darin, dass die Mittellamellen des Rinden,gewebes, in dem die Fasern verlaufen, aufgelöst werden. Die Lösung kann entweder auf biologischem Wegemit Hilfe von Bakterien oder Pilzen oder aber auf chemischem Wege erfolgen. Bei der biologischen Röste, demgewöhnlichen Rösteverfahren, wie es allgemein geübt wird, wird die aus Pektinstoffen bestehendeln terzellular.Substanz durch die Mikroorganismen aufgelöst, vergärt und zersetzt. Hierher gehört die Wasserröste, dieTauröste, Winterröste usw. Es gibt nun eine ganze Anzahl von solchen Mikroorganismen, welche die Mittel«lamellensubstanz in Lösung bringen können. Bei der Tau« und Winterlandsröste sind es hauptsächlich Faden,pilze, bei der Wasserröste dagegen Bakterien. Van Tieghem hat 1879 den Bacillus amylobäcter fürden Erreger dieser Pektingärung erklärt, was sich aber später als unrichtig herausstellte, da gerade dieser Bazillusdie Zellulosegärung bedingt und die Zellulose bei der Flachsröste doch geschont werden muss. Beijerinck undvan Delden schreiben die Hauptwirkung bei der Wasserröste zwei stäbchenförmigen Spaltpilzen von anagrobemCharakter, dem Granulobäcterpectinovörum (Fig. 1681 r) und G. urocöphalum zu; bei der Tauröstesind wohl auch Pilze (z. B. Cladospörium herbärum Link) mit im Spiele. Behrens hat es als wahrscheinlicherweisen können, dass ein Clostridium die Wasserröste bewirke, und Fribes fand ein Plectridium, das dabeibeteiligt war. Störmer konnte dann 1903 in Reinkultur einen sehr wirksamen Rösteerreger isolieren, deranaerob lebt und von ihm als Plectridium pectinovorum bezeichnet wurde. S ch a r ding er züchtete etwasspäter aus dem Schlamm von Flachsrösten einen Bacillus macerans und Rossi fand als guten Pektinvergärerfür Flachs und Hanf den aerob wachsenden Bacillus Comesii. Dieser ist jedoch nach Carbone identisch miteinem schon früher von Behrens beobachteten Bacillus asterosporus. G. Ruschmann hat eine ähnlichwirkende Bakterienart, die ebenfalls aerob wächst, gefunden. Carbone gewann aus italienischen Röstanlagen einenBacillus felsineus, der zusammen mit Hefearten bei 37° Hanf in weniger als 2 1 /» Tagen röstet. Nach D. Carboneund F. Tobler (Faserforschung. Bd. II, 1922) lassen sich die Mikroorganismen, denen bis heute die Fähigkeitzugeschrieben wird, den Flachs, Hanf und andere Faserpflanzen zu „rösten", in 3 Gruppen verteilen! l.Amylo»bakterien und Granulobakterien [anaerob], 2. Bazillen aus der Gruppe Subtilis und Mesentericus und ausder Gruppe Bacillus asterosporus [aerob] und 3. Bacillus felsineus [anaferob]. Tobler hält als den eigent»liehen „echten Röster" einzig den zuletzt genannten Bacillus felsineus, der durch Erzeugung von zweckmässighergestellten Kulturen in warmem Wasser (die Optimaltemperatur ist etwa 37° C) in der Lage sein dürfte, die„industrielle" Röste von Textilien in der Zukunft wesentlich zu fördern.
Auch auf chemischem Wege wurde versucht, durch Behandlung des Flachsstrohes mit Säuren undhernach mit Alkalien, durch Kochen mit Alkalien, Seife u. dergl., ferner durch Ueberhitzen mit Wasser unterDrude, zum Teil unter gleichzeitigem Zusatz von Schwerpetroleum (Verfahren von Peufaillet) die Fasern zuisolieren. — Durch den Röstprozess wird der chemische Charakter der Bastfaser zweifellos verändert ■, je voll*kommener die Röste wirkt, desto grösser ist der Gehalt an Zellulose. Während ungerösteter Flachs 65,5bis 76,5% Zellulose aufweist, beträgt im gerösteten Flachs die mittlere Menge derselben 85,4 °/o.
Auf das Rösten folgt das „Trocknen" des Flachses durch mehrtägiges Auslegen oder Aufstellen derBündel zu Kapellen oder „Hüfeln" an die Luft (oft unter den Scheunendächern) oder Sonne, in geheizten Kammernbezw. in Häusern oder in besonderen Flachsdörröfen. Letzteres Verfahren ist wegen der Feuergefährlichkeil