ENCHEIRESIS NATURAE
447
sei es durch Gärung und Fäulnis, 1 oder gar durch Auskochen,Erhitzen, Destillieren, Kalzinieren 2 usw., so wird das, was siezusammenhält, ihr Essentielles, ihr „Spiritus rector", — wieihn Boerhaave mit Recht wiederum bezeichnete 3 —, als„flüchtiger Geist" herausgetrieben (expellitur), 4 während diesonstigen Teile zurückbleiben (remanent partes). 5 Vergeblichwäre es nun, was nur in den Ausgangsstoffen vorhanden war,auch in den Rückständen zu suchen, oder aus diesen dieersteren wiederherstellen zu wollen; 6 der Chemiker soll über-haupt, wie an einigen Beispielen erläutert wird, nicht das Un-mögliche versprechen, 7 nicht phantastisch (pro ingenio luxu-riante) das in Aussicht stellen, was dem Wesen der Sache nachunausführbar ist (quae ex ipsa natura fieri non possunt), 8 undsich auch nicht durch „Unklugheiten, Absurditäten, und krasseIgnoranz kompromittieren". 9
Überblickt man die Gesamtheit der im vorstehenden an-geführten Stellen, so kann kein Zweifel daran walten, daß denVersen des „Faust" Reminiszenzen an sie oder an analogemündliche Äußerungen Spielmanns zugrunde liegen: hierhaben wir das „Heraustreiben des Geistes" aus dem Lebendigenund die Vernichtung des „geistigen Bandes", hier das Übrig-bleiben der „Teile", hier die „Eselbohrerei" des leichtfertigenAdepten, hier endlich die „Encheiresis Naturae" im Sinne derursprünglichen Verknüpfung und Verkettung der Bestandteile;völlige Parallelität besteht nun zwischen dem Weber in derGedankenfabrik, der umsonst mittels tausend „Verbindungen"aus den logischen Abfällen den Geist des Zerfaserten wiederherzustellen sucht, und dem Famulus im Laboratorium, dervergeblich mit Hilfe der rechten „Verbindungen" aus denchemischen Rückständen das Leben des Zerstörten zu re-generieren trachtet; zugleich zeigt sich, daß Goethe in dem
1 S. 286, 307. 2 S. 90 ff., 193, 199, 218, 202. 3 S. 187. 4 S. 90 ff.,
221, 308. 6 S. 90ff. 6 S. 90ff., 64ff., 174ff., 176, 178ff. 7 S. 187.
8 S. 194. 9 S. 191.