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ENCHEIRESIS NATURAE
Die Herkunft des befremdenden Kunstausdruckes „Enchei-resis Naturae", sowie seine eigentliche Bedeutung zu ermittelnund daraufhin den Sinn der angeführten Stelle in zureichenderWeise aufzuklären, ist seit langer Zeit, bisher aber vergeblich,ein „heißes Bemühen" literarischer wie chemischer Sachver-ständiger geblieben.
Düntzer z. B., der wegen seiner schlechten Schreibweiseund kleinlichen Weitschweifigkeit zu Unrecht oft völlig Ver-kannte, der bereits 1854 den ersten ausführlichen „Faust"-Kommentar herausgab und ihn in den späteren Auflagen stetsauf das sorgsamste weiter ergänzte, weiß nach fast fünfzig-jähriger Arbeit noch nicht viel mehr zu sagen als schon anfangs:Wie die Logik die Gedanken, so zerlegt die Chemie die Körper,aber deren Teilen neues Leben einzuflößen, vermag sie nicht;Encheiresis ist eine althergebrachte Bezeichnung für chemischeOperationen und Versuche, heißt jedoch wörtlich „Behandlung",worauf Mephistopheles' Witz hinausgeht; doch kommt „En-cheiresis Naturae" in chemischen Lehrbüchern nicht vor, be-ruht aber auch kaum auf absichtlicher Erfindung, sondern wohlallein auf einem Mißverständnis, falls nicht vielleicht derProfessor der Chemie in Leipzig oder Straßburg den „unglück-lichen Ausdruck" gebrauchte. 1 Schließlich führt Düntzernoch an, daß sich Goethe kurz vor seinem Tode des nämlichenWortes, „jedoch in ganz anderem Sinne", in einem Schreibenan den Chemiker Wackenroder zu Jena abermals bedienthabe. (Die Stelle in diesem Briefe vom 21. Januar 1832 lautet:ob wir gleich gern der Natur ihre geheime Encheiresis,wodurch sie Leben schafft und fördert, zugeben, und, wennauch keine Mystiker, doch zuletzt ein Unerforschliches ein-gestehen müssen.")
Ausspruch Goethes von 1819 über den „West-östlichen Divan" als „Vehikelmancher Eselsbohrereien" berichtet auch der Kanzler v. Müller (Bieder-mann, „Goethes Gespräche", Leipzig 1889, Bd. 4, S. 2).
1 „Goethes Faust" (Leipzig 1889, Bd. 1, S. 120).