54 CHEMISCHES UND PHYSIKALISCHES AUS PLATON
puskeln, die als Feuerteilchen vermöge ihrer Schärfe allesonstigen Stoffe zerschneiden, durch ihre wechselnde Größeund Form die Geschmäcke bedingen usf., erbt sich ohnesehr wesentliche Veränderungen fort bis zur- sogenanntenSpitzen- und Häkchentheorie des Descartes (1596 — 1650)und Lemery, durch die z. B. letzterer noch im ersten Vierteldes 18. Jahrhunderts die „fressende Kraft" und den „beißendenGeschmack" der Säuren erklärte. Das Übergewicht, das dieKorpuskulartheorie allmählich gegenüber der atomistischen er-langte, dürfte ebenfalls nicht zum wenigsten darauf zurück-zuführen sein, daß Piaton diese ablehnte, ja die Atomistikergar nicht nennt, wenigstens nicht direkt. Jedenfalls galt diePhysik Piatons der ganzen, schon bald nach seinem Todeeinsetzenden Verfallperiode des echten griechischen Geistes,ferner der späteren hellenistischen Zeit, sowie auch dergesamten mittelalterlichen, als eine seiner allerwichtigstenLeistungen; höchste Bewunderung zollte man aber ihrer teleo-logischen Fassung im „Timäus", welcher Dialog auch durchseine theologischen Lehren von der göttlichen Weltschöpfungund Weltregierung eine unvergleichliche geschichtliche Be-deutung gewann. Im Orient erwies sich die Wirkung derplatonischen Naturlehre ebenfalls als eine mächtige und an-dauernde; schon bald nach 800 wurde der Timäus ins Arabischeübersetzt, 1 und spätere Araber schrieben daraufhin Piatondie verschiedensten physikalischen Arbeiten und Abhand-lungen zu und glaubten, er sei von Beruf ein großer Physikergewesen, — nicht anders, wie die syrischen Theologen undÜbersetzer des 4. bis 8. Jahrhundertes ihn für einen Mönchund Bibelausleger ansahen, 2 die Goldkocher und Goldmacherder nämlichen Zeit aber, so schon Zosimos von Panopolis(um 300), für einen Alchemisten.
Aichemistische Gedanken sind nun freilich, den be-
1 De Boer „Geschichte der Philosophie im Islam" (Stuttg. 1901;S. 23, 27). 2 ebd. S. 22.