CHEMISCHES UND PHYSIKALISCHES AUS PLAION 53
Art Eingriff in das göttliche Walten erschiene, auch dasmenschliche Vermögen übersteige, und es stets übersteigenwerde, 1 — eine deutliche Mahnung (auch für größte Geister!)zur Vorsicht im Aussprechen des „Ignorabimus".
So einseitig, wie man ihm vorgeworfen hat, lehntübrigens Piaton die empirische Forschung keineswegs ab;wiederholt und mit Nachdruck bezeichnet er vielmehr die>>auf Zählen, Messen und Wägen" gegründete Erkenntnis alsdas Mittel zur Berichtigung der Sinnestäuschungen und zurSchaffung einer exakten Wissenschaft, 2 und ebenso bestimmtverweist er auf den Wert gründlicher und stets erneuterUntersuchungen, durch die das Wesen „vorgeblicher Wunder-erscheinungen" erklärlich und verständlich werden wird. 3
Was die Einzelheiten der physikalischen Lehren Piatonsbetrifft, so sind sie, wie leicht ersichtlich, von sehr ungleichemWerte: Die Definition z. B., daß das Wesen des Seiendennichts anderes ist, als sein Vermögen zu wirken, stimmt mitdem Leibnizschen Satze: „Wirklich ist allein das Wir-kende", sowie mit den Anschauungen der modernsten Energe-tiker überein, und ist sicherlich von ungewöhnlichem Tief-sinne; auch die Zurückführung der Masse auf den Widerstand,den verschiedene Körper dem Einwirken der nämlichen Kraftleisten, sowie die Ablehnung von Anziehungskräften (denheutigen Fernkräften), sind Gedanken von hoher Bedeutung.Andere Lehren hingegen erweisen sich als völlig unzureichend,zum Teil sogar als rein willkürlich. Merkwürdigerweisehaben aber gerade diese eine lange, mehr als zwei Jahr-tausende fortwährende historische Wirksamkeit entfaltet; dennzweifellos ist Piaton der Vater des erst 1643 durch Torri-celli und um 1650 durch Guericke widerlegten Glaubensan den „Horror Vacui", den „Abscheu der Natur vor demLeeren", und seine Theorie der verschieden gestalteten Kor-
1 Timäus VI, 193. 2 Staat V, 635; Philebos IV, 732; Euty-
Phron V, 208. 3 Timäus VI, 207.