52 CHEMISCHES UND PHYSIKALISCHES AUS PLATON
die Angehörigen verschiedenster Schulen zuströmten, es völligerweckte. Sein eigentliches philosophisches System standdamals längst fest, zum mindesten in allen Hauptteilen;mit den Naturwissenschaften aber hatte er sich nur wenigdes Näheren beschäftigt, und die Kenntnisse seiner Zeit,noch mehr aber seine eigenen, waren unzureichend undlückenhaft. Es ist daher begreiflich, daß das empirischeWissen um die Natur ihm weniger als ein „Wissen" erschiendenn als ein „Meinen", und zwar als Eines über dasWechselnde und Vergängliche, während er nach Erkenntnisdes Beharrenden und Ewigen strebte: er suchte das waltendeGesetz, das den Erscheinungen zugrunde liegt, das „Sein",das im Werden zutage tritt, denn nur aus dem Sein warihm das Geschehen begreiflich.
Das Sein ist aber etwas Metaphysisches. An diesesvermag sich nur das reine Denken heranzuwagen, das mitsicheren Schlüssen zu sicheren Ergebnissen fortschreitet; diewandelbare Welt des Geschehens hingegen wird uns durchsinnliche Anschauung gegeben, und diese kann, da sie nurdie Erscheinung überliefert und zudem den mannigfaltigstenTäuschungen und Irrtümern unterworfen ist, nicht als gleich-wertiges Erkenntnismittel gelten. Dieser Anschauung Piatonsentspringt seine Überschätzung des reinen Denkens und seinHerabdrücken des Wertes der Anschauung, sowie der Be-deutung der Materie; auch verleitet sie ihn zur mytho-logischen, ja mystischen Darstellung gewisser Naturlehren,und zwar bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. SpätereSchüler und Nachahmer sahen in der hierbei unvermeid-lichen Unklarheit und Dunkelheit die Hauptsache, und dieallegorische Geheimtuerei der Alchemisten entstammt nichtzum wenigsten gerade dieser Quelle; Piaton selbst be-zeichnet aber in aufrichtiger Weise solche Konstruktionenstets als das, was sie sind, und rechtfertigt sie damit, daßein Nachweis des Behaupteten durch Versuche als eine