524 GEDÄCHTNISREDE ZUM300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES'
greifende, die ganze Folgezeit beherrschende Leistung vollbracht.„Descartes, — so sagt der mit seinem Lobe karge Schopen-hauer —, ist der Vater der neueren Philosophie; er hat dieVernunft angeleitet auf eigenen Beinen zu stehen, indem er dieMenschen lehrte, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen, für denbis dahin die Bibel einerseits, der Aristoteles andererseitsfunktionierte; er hat sich zuerst das Problem zum Bewußtseingebracht, um das sich seither alles Philosophieren hauptsächlichdreht, das Problem vom Idealen und Realen, das heißt dieFrage, was in unserer Erkenntnis objektiv und was darin sub-jektiv sei, was darin uns selber, was etwaigen von uns ver-schiedenen Dingen zuzuschreiben sei." „Dies hat er deutlicherkannt und deutlich ausgesprochen" und ist so „der Atlasgeworden, auf dessen Schultern die ganze moderne Philo-sophie ruht."
In dem durchdringenden, von größter Ursprünglichkeit undEnergie erfüllten Geiste diesen freien Selbstdenkers finden sichbereits fast alle Hauptzüge des späteren Zeitalters der Aufklärungvorgebildet; gleich bewunderungswürdig ist die Macht seinesunbedingten Strebens nach reiner Wahrheit, wie die Gewaltseiner klaren und logischen Darstellung, — Vorzüge, die ihngleichzeitig zum Schöpfer der nationalen französischen Philo-sophie, wie zum Vollender des wissenschaftlichen französischenStiles stempelten.
Doch nicht nur die Philosophie seines Vaterlandes hatDescartes von Geulincx und Malebranche bis auf Cousinund Comte beeinflußt, sondern auch dessen Kunst: deutetdoch Boileaus berühmter Ausspruch, daß nur das klar unddeutlich Erkannte wahr, und nur das Wahre schön sei („rienn'est beau que le vrai"), unmittelbar auf Descartes' Lehrezurück!
Seine Physik aber, deren „tourbillons" noch Moliere imdritten Akte der „Femmes savantes" in etwas satirischem ToneErwähnung tut, gewann seit 1671 mit ungeahnter Schnelligkeit