GEDÄCHTNISREDE ZUM300/ÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 525
allgemeine Verbreitung und Anerkennung, indem in diesemJahre, also noch vor Abschluß des Jahrzehntes, in dem Des-cartes' Schriften auf den Index gesetzt worden waren, das ganzvorzügliche, an einen Entwurf des Cyrano de Bergerac an-schließende, und durchaus in Descartes' Sinne abgefaßte Lehr-buch Rohaults erschien; seither verstummte alsbald nicht nurjeder Widerspruch der Mitwelt, sondern selbst die NewtonscheLehre gebrauchte später Menschenalter, um den Einfluß derDescartesschen zu überwinden, was ihr in Frankreich, nachendlosen Streitigkeiten, erst gegen Ende des 18. Jahrhundertesdank den Bemühungen Maupertuis und Voltaires gelang.
Die Macht jedoch, die Physik wie Philosophie des Des-cartes in allen diesen Kämpfen unermüdlich und mit demAufgebote aller ihrer Mittel schützte und schirmte, war keineandere als die der Kirche, die nämliche also, die jene Lehrensamt ihrem Schöpfer kurze Zeit vorher auf das bitterste ver-folgt und sie in den Bann getan hatte. Wie die Kirche, alsim frühen Mittelalter die Werke des Aristoteles zuerst bekanntwurden, sie zunächst zurückwies und verbot, bald darauf aber,als ihr dies vorteilhaft schien, den Aristoteles für ihren Ver-bündeten erklärte, ihn als »praecursor Christi in rebus natura-libus" proklamierte, ja schließlich jeden Angriff gegen seineAutorität als Ketzerei betrachtete und rächte: ganz ebenso ver-hielt sie sich, unbelehrt durch die Schäden, die ihr aus derblinden Identifizierung mit einem bestimmten philosophischenund physikalischen Systeme erwachsen waren, gegen Des-cartes. Seine anfänglich verworfenen Theorien waren nachwenigen Jahrzehnten zu offiziellen kirchlichen Lehrmeinungengeworden, sie verknöcherten alsbald zu unabänderlichen Dogmen,es galt für frevelhaft, an sie zu rühren, und für ketzerisch, sie zukritisieren. Infolge solcher Einflüsse ist es ähnlich wie Aristo-teles auch Descartes ergangen: gerade die schwächsten undmangelhaftesten Teile der Systeme beider Forscher wurden,weil zufällig fremden Zwecken dienlich, eifrig ausgestaltet und