522 GEDÄCHTNISREDE ZUM300/ÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES'
einheitlichen Voraussetzungen ausgehend, eine außerordentlicheFülle von Tatsachen in anscheinend zureichender Weise deutete,und hierdurch, sowie durch ihre treffliche logische Entwicklung,eine Vollständigkeit und Abrundung gewann, die ihr für langeZeit hinaus siegreiche Überlegenheit sicherte.
Als führender Oedanke der Descartesschen Philosophietritt die Lehre hervor, daß sich bei voraussetzungslosem, vonallen Vorurteilen freiem Selbstdenken, als erstes und wichtigstesphilosophisches Problem die Prüfung der Erkenntnis ergibt;nicht vom Sein ist auszugehen, sondern vom Erkennen, denndas einzige, wirklich und unmittelbar Gegebene ist nicht dieMaterie, sondern das Bewußtsein, und dieses allein kannaller weiteren Forschung zur Grundlage dienen. Bevor wirfragen, was wir wissen, ist also erst zu untersuchen, wie wirwissen. Mit dieser Unterscheidung hat Descartes den Weg-weiser zu Kants Kritik der reinen Vernunft aufgestellt.
Was den „methodischen Zweifel" betrifft, so fehlte es Des-cartes nicht an mannigfachen Vorgängern, denn Sätze wie„Zum Wissen bahnt der Zweifel den Weg", „Erstes Erfordernisder Erkenntnis ist der Zweifel", „Mit dem ersten Zweifel be-ginnt das erste Wissen", und dergl., finden sich schon bei Aris-toteles, bei Pyrrho und Aenesidemos, beim Araber Abu-Haschim (nach v. Kremer), bei Raymund Lull (1235 bis1315), und bei vielen Anderen, bis herab zu Descartes un-mittelbaren skeptischen Vorläufern Charron (1541 bis 1603)und Montaigne (1533 bis 1592); auch zogen schon der heiligeAugustinus (354 bis 430), Wilhelm von Occam (f 1347),und Campanella (1568 bis 1639), aus solchen Sätzen Schlüsse,die in mancher Hinsicht denen Descartes' gleichen. VölligesEigentum dieses Forschers ist aber, — wenn wir von der, erstin sehr viel späterer Zeit bekannt gewordenen Philosophie derindischen Upanishaden absehen —, die systematische Aus-gestaltung des Skeptizismus in dem Sinne, daß der Zweifelnicht Grenze und Ende alles Denkens bildet, sondern im Gegen-