GEDÄCHTNISREDE ZUM300/ÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 519
keiten seien „schon von vornherein gegeben", d. h. das weißeLicht „enthalte bereits an sich Strahlen von allen Farben, diebei der Brechung nur getrennt werden", hat er tatsächlich nie-mals ausgesprochen.
In philosophischer Beziehung ist als ein Hauptmangelvon Descartes System hervorzuheben, daß, strenge genommen,der Satz „cogito ergo sum" nur das geistige, nicht auch daskörperliche Sein des Denkenden beweist, und daß die Begriffedes Selbstbewußtseins und der Individualität, die Descartesals „höchst deutliche, einfache und durchsichtige" voraussetzt,in Wirklichkeit zu den letzten, schwierigsten, und noch heuteder Erklärung fast unzugänglichen Abstraktionen gehören. Nurdurch eine ganz unzulässige, seinem eigenen sonstigen Ge-dankengange widersprechende Unterstellung konstruiert sodannDescartes aus dem „Denken" ein „denkendes Etwas", undidentifiziert dieses mit der üblichen Vorstellung einer „Seele"als beharrender Grundlage des Ichs, das doch in Wahrheit nurErgebnis, nicht Ursache von Bewußtseinsbestimmungen seinkann; es liegt hier eine der üblen Folgen seines Unvermögensvor, sich vom mittelalterlichen scholastischen Begriffe der „Sub-stanz" loszumachen. Die drei Substanzen, Gott, Materie, undSeele, werden übrigens nicht aus dem Denken abgeleitet, sondernin ihm „vorgefunden", und zwar als „eingeborene Ideen", derenHerkunft, Wesen, und Tragweite im Dunkeln verbleibt; nur fürdie Existenz Gottes findet sich noch ein besonderer Beweisgeführt, den man aber nicht mit Unrecht als eine bloße ver-schlechterte Auflage jenes berüchtigten ontologischen Beweisesdes Anseimus von Canterbury angesehen hat. Wider-spruchsvoll erscheint die Bezeichnung der Seele als eine „im-materielle Substanz", ungerechtfertigt schon überhaupt die Be-zeichnung von Seele und Körper als „Substanzen", da beidedoch von Gott geschaffen, also gänzlich durch ihn bestimmtund von ihm abhängig sind; unerklärt bleibt es auch, wiesoKörper und Seele, die, als gänzlich voneinander verschieden,