518 GEDÄCHTNISREDE ZUM300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES'
Schwächen: erstens muß die Ursache dieser Wirbel, die dochalle Bewegung erst erklären sollen, selbst wieder in einer Be-wegung gesucht werden, als deren Quelle bloß der wahre„Deus ex machina", der »Gott, der nur von außen stieße",verbleibt; zweitens aber fehlt es ihr vollständig an einer mathe-matischen Unterlage. Infolgedessen können zwar alle mög-lichen physikalischen und chemischen Eigenschaften der Körperaus ihr abgeleitet werden, die hierzu nötigen, mannigfaltigen,und oft sehr geistreichen sekundären Hypothesen sind jedochzumeist durchaus willkürliche, und ermangeln daher der be-weisenden Kraft. Die feste Überzeugung, einen allein richtigenGrundgedanken gefunden zu haben, mittels dessen sich allesweitere aus bloßen Begriffen und Definitionen, und dennochder Wirklichkeit getreu, erklären lasse, hat hier Descartes irregeführt; daß er von ihr vollständig durchdrungen war, läßtaber begreifen, weshalb er weder Methoden noch Resultateseiner großen Zeitgenossen Stevinus und Galilei zu ver-stehen vermochte, ja sogar das vermessene Wort sprach: „inGalileis Schriften finde ich nichts, um was ich ihn beneide,und fast nichts, was ich als mein betrachten möchte." Um-gekehrt wieder bezeichneten Männer wie Gassendi oderHuygens die Wirbeltheorie des Descartes, namentlich inihrer Anwendung auf den Kosmos, als „eine Mischung vonTräumen und Hirngespinsten", einen „physikalischen Roman",„ein Gewebe so leichtfertiger Gründe und Dichtungen, daßman nur mit Verwunderung sehen kann, welche Mühe auf seineAnfertigung verwandt wurde".
Den optischen Theorien endlich, auf die Descartes großesGewicht legte, haftet der Mangel an, daß sie stets nur diePhänomene der Brechung, nicht aber die der Farbenzerstreuungerklären, da nicht einzusehen ist, wieso die brechenden Medienden Lichtteilchen Rotationsbewegungen, und noch dazu solchevon sehr verschiedener Geschwindigkeit, erteilen können; dieDescartes zuweilen zugeschriebene Ansicht, diese Geschwindig-