Druckschrift 
[1] (1906)
Entstehung
Seite
369
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 369

Nahrungszufuhr durch die Wurzeln führte er dagegen diewichtigen Einflüsse der Bodenbeschaffenheit, der Bewässerung,und der Düngung zurück; durch Düngung mit Giften, z. B.arseniger Säure und Sublimat, und durch Einspritzen ihrerLösungen in die Saftbahnen, prüfte er auch den Einfluß dieserSubstanzen auf das Pflanzenwachstum, und die Möglichkeitihrer Überführung in bestimmte Teile der Pflanzen, z. B. indie Früchte.

Die Wasserbauten, die Ausführung der das lombardischeSchuttland durchschneidenden Kanäle, sowie die Anlage derSteinbrüche, die das erforderliche Baumaterial zu liefern hatten,lenkten Lionardos Aufmerksamkeit auch auf mineralogischeund geologische Fragen. Er untersuchte Gestalt und Strukturverschiedener Gesteine, bemerkte die Symmetrie der natürlichenKristalle, und erklärte die Versteinerungen von Pflanzen undTieren für Überbleibsel aus längst vergangenen Zeitperioden,nicht aber fürNaturspiele",Erzeugnisse der Sternstrahlen",odermißlungene Schöpfungsübungen Gottes", als welche sienoch die späteren Scholastiker bezeichneten, wenngleich schonXenophanes sowie Herodot die richtige Ansicht ausge-sprochen hatten! Aus dem Anblicke der, gelegentlich derKanaldurchstiche, freigelegten Schichten, zog er mit über-raschender Einsicht Schlüsse auf ihre Ablagerung, auf dieBildung von Gebirgen und Tälern, auf die Erhebung der Kon-tinente, und auf die wechselnde Ausbreitung der Ozeane; völligklar war er auch über die grundlegende Bedeutung der Erosion,zu deren merkwürdigsten Wirkungen er u. a. die Ausgestaltungder südtiroler Dolomitengegenden zählte, deren Kegel undZinnen man auch im landschaftlichen Hintergrunde des wunder-baren Bildnisses der Mona Lisa wiedererkennen will, dasLionardo vermutlich 1501, während seines Aufenthaltes zuFlorenz malte. Den Bildungen der Täler und der Herkunft

v. Lippmann, Beiträge. 24