352 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER
Diese klaren, sein Zeitalter nicht weniger durch vollständigeNeuheit als durch unerhörte Kühnheit überraschenden Äußer-ungen Lionardos mögen genügen, um auf die Richtung seinerDenkweise einen Schluß zu gestatten; daß er solche Wahrheitennicht nur richtig erkannt, sondern auch durch die eigene Tatpraktisch bewährt hat, werden unsere folgenden Betrachtungenergeben. Jedenfalls ist aber Lionardo, mit weit größeremRechte wie der ein Jahrhundert spätere Bacon von Verulam,als Schöpfer oder Neubegründer der induktiven Methode an-zusehen, und als einer der Ersten, wenn nicht der Erste, der esunternahm, die Qesamtnatur in einheitlicher Weise, und vonden allgemeinen Grundgesetzen der Erfahrung ausgehend, syste-matisch zu erklären.
Den verschiedenen Zweigen der Mathematik wandteLionardo große Aufmerksamkeit zu, „denn allein wo Mathe-matik anwendbar ist, herrscht Gewißheit, und nur soweit siesich anwenden läßt, steht das Wissen unbedingt fest". Diezahlreichen Rechnungen und geometrischen Figuren in Lio-nardos Manuskripten zeugen für die Gründlichkeit seinerStudien, die sich, wie wir hier zufällig wissen, besonders auchauf die Werke des Archimedes erstreckten. Daß Lionardodie Zeichen + und — in die Arithmetik eingeführt habe, istunrichtig, daß er sie in Italien zuerst benutzte, fraglich; wasdie Geometrie betrifft, so beschäftigte er sich vielfach mit densogenannten Sternpolygonen und mit der Abwickelung krummerFlächen und ihrer Darstellung in der Ebene, ferner bestimmteer die Lage des Schwerpunktes verschiedener Körper (z. B. derPyramide durch Zerlegung in Teilkörper vermittelst parallelzur Basis geführte Schnitte), und versuchte sich an der Qua-dratur des Kreises, die er als ein unlösbares Problem erkannte.Großen Reiz boten ihm Aufgaben aus der angewandten Geo-metrie; so z. B. erfand er einen Proportionalzirkel und ein