Druckschrift 
[1] (1906)
Entstehung
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351
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LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 351

hat man hierbei freilich abzutun, und nicht aus Büchern zulernen, deren Verfasser vielleicht selbst kein rechtes Verständnisfür die Natur besaßen, sondern aus dieser selbst. Die Wunder-werke der Natur aber werden allein durch die Erfahrungerleuchtet; diese täuscht uns niemals, sondern nur unser Urteilenführt zu Irrtümern, indem wir aus unseren Wahrnehmungenunberechtigte Folgerungen ziehen. Beobachtungen und Ver-suche sind also die einzig zuverlässigen Grundlagen für wissen-schaftliche Forschungen; sie vermitteln der Vernunft, die außer-halb der Sinne steht, die Sinneseindrücke, aus denen jene dannihre Schlüsse zu ziehen hat, und lehren sie diese Schlüsse prüfenund berichtigen. Daher ist alles Wissen eitel und voll vonIrrtümern, das nicht von der sinnlichen Erfahrung, der Mutteraller Gewißheit, zur Welt gebracht wird, und nicht mit wohl-überlegten Versuchen abschließt, von richtig wahrgenommenenund wohlverstandenen Anfängen aus durch richtige Folgerungenstufenweise zum Ziele schreitend. Mit der Erfahrung, dieserMeisterin aller Meister, ist stets zu beginnen; sie führt in jedemEinzelfalle zur Entdeckung der Wahrheit und gestattet, aus derSumme der Wahrheiten vieler Einzelfälle die allgemeine Wahr-heit als »Generalregel" abzuleiten. Die Summe dieser General-regeln wieder ergibt eineTheorie", die sich zurPraxis"verhält wie der Feldherr zu seiner Armee. Eine Praxis ohnewissenschaftliche Grundlage gleicht einem Schiffe ohne Steuerund Kompaß: Niemand weiß sicher zu sagen, wohin die Fahrtgeht; man studiere also stets zuerst die Theorie einer Wissen-schaft und verfolge dann an ihrer Hand die Praxis, die aus ihrhervorgeht. Von Tatsachen und Beobachtungen ist auszugehen,nicht von Worten; alles Wissen, das nur auf Worte hinausläuft,erstirbt, sowie es ins Leben treten soll: beim Disputieren z. B.über die Wesenheit Gottes oder der Seele, wird alsbald, weilVernunftgründe und klare Einsicht fehlen, Geschrei an derenStelle treten; das aber ist stets das Zeichen, daß es mit dengeistigen Gründen zu Ende geht.