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[1] (1906)
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350
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350 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER

Eine gute Frucht trug übrigens der Raub der Lionardo-schen Schriften durch die Franzosen: man begann ernstlicheVersuche zu ihrer Entzifferung, deren erste, durch Venturiveröffentlichten Ergebnisse bereits das größte Staunen der ge-samten Gelehrtenwelt hervorriefen. Seither fehlte es zwardiesem verdienten Manne niemals ganz an Nacheiferern, undLionardos Aufzeichnungen wurden von Angehörigen ver-schiedener wissenschaftlicher Disziplinen wiederholt zu Zweckenbestimmter Spezialgebiete durchforscht; vollständige, den höherenAnforderungen der Kritik entsprechende Ausgaben der Pariserund Mailänder Codices sind aber erst in neuester Zeit be-gonnen, und der großen Schwierigkeiten und Unkosten halbernur langsam gefördert worden. Mit Ausnahme desBuchesvon der Malerei", das 1651 zuerst in italienischer Sprache undseither auch in vielen Übersetzungen gedruckt wurde, liegtdaher gegenwärtig noch keines der Werke Lionardos voll-ständig vor, und die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, daßwir in vieler Hinsicht immer noch erst Bruchstücke ihres reichenInhaltes kennen, und von künftigen Jahren noch so mancheVervollständigung und Bereicherung unseres bisherigen Wissenszu gewärtigen haben.

Bevor wir an eine Schilderung der Leistungen Lionardosauf den einzelnen Gebieten der Wissenschaft und Technikherantreten, sei zunächst seiner allgemeinen, durch Klarheitwie Aufgeklärtheit in gleicher Weise hervorragenden Grund-anschauungen gedacht.

Mit Entschiedenheit vertritt Lionardo den Standpunkt,daß die Welt, soweit menschliche Kräfte sie überhaupt zu er-fassen vermögen, für den Menschen auch verständlich, unddurch eine richtig geleitete Anwendung seiner Vernunft erklär-lich sei, so daß es nirgends notwendig bleibe, seine ZufluchtzuWundern" oderGeheimkräften" (qualitates occultae) zunehmen. Vorgefaßte Meinungen und allen Autoritätsglauben