348 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER
1500 in seine, damals auf der Höhe des Kunst- und Gewerbe-fleißes stehende Vaterstadt zurück. Im Jahre 1502 wählte ihnder Herzog Caesar Borgia zu seinem General-Ingenieur undübertrug ihm die Ausführung und Beaufsichtigung der Festungs-bauten in Umbrien und der Romagna; mit Werken des Kriegesund Friedens beschäftigt, verlebte er nun fast ein Jahrzehnt inverschiedenen Städten Nord- und Mittelitaliens, bis ihn 1512der Ruf des Papstes zu einer Übersiedelung nach Rom be-stimmte. Die persönlichen und die künstlerischen Verhältnissedaselbst befriedigten jedoch Lionardo so wenig, daß er bereitsnach zwei Jahren die ewige Stadt wieder verließ und sich erstnach Florenz, dann nach Mailand begab; 1516 entschloß ersich, ein Anerbieten König Franz I. von Frankreich anzunehmen,und folgte ihm nach Paris. Ohne dort die gehoffte Befriedigunggefunden und die verheißene Reihe großer Werke auch nurbegonnen zu haben, verschied Lionardo im 67. Jahre seinesLebens am 2. Mai 1519 zu St. Cloud, und wurde in der KircheSt. Florentin bei Amboise beigesetzt; 1863 ließ Napoleon III.das damals wieder aufgefundene Grab würdig erneuern undmit einem Denksteine versehen, und 1871 setzte auch die StadtMailand dem großen Meister, dem sie so vieles zu danken hat,ein kostbares Monument.
Seine sämtlichen Manuskripte hinterließ Lionardo testa-mentarisch seinem Freunde Melzo, der sie zunächst getreulichbewachte, ja fast geheim hielt. Mit Ausnahme des »Buchesvon der Malerei" war bei Lebzeiten des Verfassers so gut wienichts aus seinen Handschriften veröffentlicht worden, und daLionardo diese außerordentlich hoch hielt, so erscheint esfast unbegreiflich, daß man nicht alsbald an eine Drucklegungheranging; das Rätselhafte dieser Unterlassung löst sich jedoch,wenn man bedenkt, daß die Manuskripte, in freiester, ursprüng-lich wohl rein tagebuchartiger Form, über die verschiedenstenund entlegensten Gegenstände in abgerissener, oft nur an-deutender Weise und ohne jede systematische Ordnung be-