LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 347
wähnen. — Lionardo wurde 1452 als natürlicher, jedoch so-fort oder in zartester Jugend legitimierter Sohn des Ser Pieroda Vinci, Notars der Signoria von Florenz, geboren, und ver-brachte seine Kindheit im väterlichen Hause, teils auf SchloßVinci, teils in Florenz. Über den Verlauf seiner Studien unddie Entwicklung seiner Talente ist so gut wie nichts bekannt,ebensowenig steht es fest, daß er seine Bildung durch große,angeblich bis nach Ägypten und Syrien ausgedehnte Reisenerweitert habe, und mit Sicherheit wissen wir fast allein, daßer eine längere Lehrzeit bei Verocchio durchmachte, demvorzüglichen Maler, Zeichner, Bildhauer, Goldschmied und Erz-gießer, von dem u. a. das charakteristische und in seiner Artklassische Reiterdenkmal des Condottiere Colleoni zu Venedigherrührt. In seinem 30. Jahre, 1482, wurde Lionardo an denHof Sforzas nach Mailand berufen. Schon damals ragte er,ebenso sehr wie durch körperliche Schönheit, Gewandtheit,Kraft und Geschicklichkeit in den ritterlichen Übungen desReitens, Fechtens, Tanzens und Schwimmens, auch durchscharfen Verstand hervor, durch schlagfertigen Witz, über-raschende Vielseitigkeit der Bildung, und unglaubliche künst-lerische und technische Befähigung; er wird als edlen undvornehmen Charakters geschildert, als erfüllt von unstillbarerWißbegier, und als bescheiden, wenngleich seines Wertes vollbewußt; was er begann, unternahm er mit Energie und vonstarkem Schaffensdrange getrieben, doch sank ihm oft schonwährend der Ausführung der Mut, und das Vollendete warmeist unvermögend seinen hohen Ansprüchen zu genügen, undstimmte ihn melancholisch und resigniert.
Der Mailänder Aufenthalt, 1483 bis 1499, war in jeder Hin-sicht, in künstlerischer, wissenschaftlicher und literarischer, eineder fruchtbarsten Zeiten seines Lebens, und hinterließ in der1483 gestifteten Akademie eine Spur von besonders segens-reicher Wirksamkeit; politische Verwicklungen setzten ihm einEnde, und nach dem Sturze der Sforzas kehrte Lionardo