GOETHE'S FARBENLEHRE
ersehen läßt, wie sich eigentlich nach Goethes Sinne z. B.Blau und Gelb ihrem Wesen nach unterscheiden oder inwie-fern das „Schattige" im Blauen von dem im Gelben, oder garvon dem in der Mischfarbe beider, im Grünen, verschiedensei u. s. w. Auch die Behauptung Goethes, daß Grün nieals primäre, sondern immer nur als Mischfarbe auftrete, isteine unrichtige. Desgleichen ist seine Angabe irrtümlich, daßdie Zusammensetzung der farbigen Lichter zu Weiß unmöglichsei, wobei ihm übrigens, wie schon Schopenhauer 1 be-merkte, auch ein logischer Beweisfehler untergelaufen ist. End-lich erweist sich auch Goethes eigene Theorie über das Zu-standekommen des farbigen Spektrums durch kombinierteWirkung zweier Bilder als unzureichend, ja in einem Haupt-punkte als ganz unzulässig, indem sie den Bildern selbst, alsobloßen optischen Phänomenen, eine wahre, d. h. physikalischeWirksamkeit zuschreibt.
In kritischer Hinsicht ist auf das höchste die Bestimmtheitund Unerschrockenheit zu bewundern, mit der Goethe gegenden Autoritätsglauben jeder Art, sowie gegen die Macht derSchule auftritt. Im Eifer des Kampfes läßt er sich freilich oftzu herben Worten, ja selbst zu offenbaren Ungerechtigkeitenhinreißen, so z. B. wenn er nicht nur Newtons Schülern,sondern auch diesem großen Physiker selbst, absichtliche Ver-schleierung der Tatsachen, Unredlichkeit in seinen Darlegungen,ja die schlimmste aller wissenschaftlichen Sünden, Obskurantis-mus, vorwirft. 2 indessen kann dieses Verhalten Goethes, sobefremdlich es auch bleibt, immerhin erklärlich erscheinen,wenn man sich der Stellungnahme seiner Zeitgenossen gegen-über der „Farbenlehre" erinnert. Verständnis oder auch nur
1 „Sämtliche Werke", Bd. 1, S. 45.
2 Hierher gehört auch das Epigramm:
Es lehrt ein großer PhysikusNebst seinen Anverwandten:
„Nil luce est obscurius". —
Ja wohl, für Obskuranten!
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