GOETHE'S FARBENLEHRE
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nicht sowohl darum zu tun, sie kennen zu lernen, weil er sieschon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und wasihr so not tut, freundlich mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen,mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, als um sie zu er-forschen. Er bewegt sich nach der Höhe, mit Sehnsucht, seinesUrsprunges wieder teilhaft zu werden. Alles was er äußert,bezieht sich auf ein ewig Ganzes, Gutes, Wahres, Schönes,dessen Forderung er in jedem Busen aufzuregen strebt. Waser sich im einzelnen von irdischem Wissen zueignet, schmilzt,ja man kann sagen, verdampft in seiner Methode, in seinemVortrag. — Aristoteles hingegen steht zu der Welt wie einMann, ein baumeisterlicher. Er ist nun einmal hier, und sollhier wirken und schaffen. Er erkundigt sich nach dem Boden,aber nicht weiter als bis er Grund findet. Von da bis zumMittelpunkt der Erde ist ihm das übrige gleichgültig. Er um-zieht einen ungeheueren Umkreis für sein Gebäude, schafftMaterialien von allen Seiten her, ordnet sie, schichtet sie auf,und steigt so in regelmäßiger Form pyramidenartig in die Höhe,wenn Plato, einem Obelisken, ja einer spitzen Flamme gleich,den Himmel sucht." 1
Blicken wir auf den Gesamtinhalt der Farbenlehre zurück,so dürfen wir, um bei einem Bilde aus optischem Gebiete zubleiben, wohl aussprechen, daß sie viel Licht und viel Schattenenthält.
Zu den Lichtseiten gehört vor allem das rastlose SuchenGoethes nach einem einheitlichen Grundgesetze, das er erfaßtzu haben glaubt im „Urphänomen", aus dem sich nach denRegeln der Polarität und der Steigerung alles Verwickeiteresoll ableiten lassen. Das Urphänomen selbst ist freilich einerweiteren Erklärung nicht fähig: „Das muß man nicht weitererläutern wollen, Gott selbst weiß nicht mehr davon als ich",
' „Farbenlehre", Bd. III, S. 141.
V. Lippmann, Beiträge. 16