GOETHE'S FARBENLEHRE
239
darauf Schopenhauer, der bekanntlich in der Farbenlehresein vertrauter, persönlicher Schüler war.
III. Bei der Betrachtung der chemischen Farben, oderwie Lichtenberg 1 sie zuerst nannte, der Pigmente, gingGoethe von der Voraussetzung aus, daß ein Zusammenhangzwischen der Farbe und den chemischen Bestandteilen einesjeden Körpers bestehen müsse. Er nahm hiermit einen Ge-danken vorweg, den auch die heutige Wissenschaft für richtigerklärt, obgleich es bisher auch der neueren Chemie nur invereinzelten Fällen gelungen ist, die Träger gewisser farben-gebender Eigenschaften in Atomgruppen bestimmter Zusammen-setzung, sogenannten chromatophoren Gruppen, zu entdecken.Den Gegensatz des Gelben und Gelbroten auf der einen, unddes Blauen und Blauroten auf der anderen Seite, hielt Goetheauch auf diesem Gebiete fest, und sah ihn besonders ausge-sprochen im Verhalten der beiden großen Gruppen der Säurenund Alkalien zum Lackmusfarbstoffe, dem damals fast alleingebrauchten Indikator. Seine Betrachtungen über chemischeFarben sind gleichfalls reich an scharfen und zum Teil neuenBeobachtungen, so z. B. stellte Goethe zuerst fest, daß eineAnzahl von Farbstoffen, u. a. der Indigo und manche Alizarin-präparate, aber auch das übermangansaure Kalium, in festemoder kristallisiertem Zustande die Komplementärfarben der be-treffenden Lösungen zeigen, verbunden mit lebhaftem Metall-glanze. 2 Ausführlich erörtert er auch die Bedeutung derPigmente für die Malerei, ferner die »sinnlich-sittliche" Wir-kung der Farben, und die aus ihrer Natur entspringende Be-deutung des ästhetisch-künstlerischen Kolorites. 3
Der zweite, polemische Teil der Farbenlehre, über dessenAbfassung Goethe berichtet, sie sei zwar eine Notwendigkeit
i „Farbenlehre", Bd. V, S. 16. 2 Ebenda, Bd. I, S. 231 und 220.* Ebenda, Bd. I, S. 355.