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GOETHE'S FARBENLEHRE
durch den Begriff der Brechung unerklärt gebliebenen Er-scheinungen dem Verständnisse näher zu führen. In der Tatkann man ihm hierin nicht ganz Unrecht geben, besonderswenn man bedenkt, daß die Wissenschaft in neuerer Zeit ge-zwungen war, in gewissen Fällen auch noch eine »abnormeDispersion" vorauszusetzen; die Bezeichnung natürlicher Er-scheinungen mit dem Namen »abnorm" weist nämlich stetsmit ziemlicher Sicherheit auf Fehler oder Lücken der betreffen-den Theorien hin, und es sei in dieser Hinsicht nur an dieBeispiele der »abnormen Dampfdichten" in der Chemie, der»abnormen Organe" in der Zoologie, und der »abnormenLagerungen" in der Geologie erinnert. —
Außer den mit den Brechungserscheinungen verknüpftenphysischen Farben studierte Goethe auch noch die Farbender dünnen Blättchen und Häutchen (z. B. die der Seifenblasenund die Anlauffarben), ferner die der sogenannten Newton-sehen Ringe, sodann die bei der Spiegelung, Beugung undReflektion des Lichtes, sowie beim Irisieren auftretenden, sowieendlich die Farbenerscheinungen bei der chromatischen Polari-sation und bei der Betrachtung der Kristalle im polarisiertenLichte; über alle diese Punkte glückten ihm zahlreiche undoft sehr feine Beobachtungen, an deren richtiger Deutung ihnaber in der Regel ungenügendes physikalisches Verständnishinderte. Auch die Wellentheorie des Lichtes, die ihm (ent-gegen einer Angabe von Helmholtz) wohl bekannt war,lehnte er unbedingt ab, da er den Lichtäther für ebenso un-begreiflich und unzulässig ansah wie die atomistische Hypo-these; hierdurch verschloß er sich leider den damals einziggangbaren Weg zur Einsicht in die großen, durch die franzö-sischen Forscher jener Periode angebahnten Wandlungen dertheoretischen Optik; auch den Lehren Fraunhofers über diedunklen Linien im Spektrum, die später durch Entdeckungder Spektralanalyse zu so ungeheuerer Bedeutung gelangten,versagte er jeden Anteil ebenso vollkommen, wie einige Zeit