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[1] (1906)
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GOETHE'S FARBENLEHRE

durch den Begriff der Brechung unerklärt gebliebenen Er-scheinungen dem Verständnisse näher zu führen. In der Tatkann man ihm hierin nicht ganz Unrecht geben, besonderswenn man bedenkt, daß die Wissenschaft in neuerer Zeit ge-zwungen war, in gewissen Fällen auch noch eine »abnormeDispersion" vorauszusetzen; die Bezeichnung natürlicher Er-scheinungen mit dem Namen »abnorm" weist nämlich stetsmit ziemlicher Sicherheit auf Fehler oder Lücken der betreffen-den Theorien hin, und es sei in dieser Hinsicht nur an dieBeispiele der »abnormen Dampfdichten" in der Chemie, der»abnormen Organe" in der Zoologie, und der »abnormenLagerungen" in der Geologie erinnert.

Außer den mit den Brechungserscheinungen verknüpftenphysischen Farben studierte Goethe auch noch die Farbender dünnen Blättchen und Häutchen (z. B. die der Seifenblasenund die Anlauffarben), ferner die der sogenannten Newton-sehen Ringe, sodann die bei der Spiegelung, Beugung undReflektion des Lichtes, sowie beim Irisieren auftretenden, sowieendlich die Farbenerscheinungen bei der chromatischen Polari-sation und bei der Betrachtung der Kristalle im polarisiertenLichte; über alle diese Punkte glückten ihm zahlreiche undoft sehr feine Beobachtungen, an deren richtiger Deutung ihnaber in der Regel ungenügendes physikalisches Verständnishinderte. Auch die Wellentheorie des Lichtes, die ihm (ent-gegen einer Angabe von Helmholtz) wohl bekannt war,lehnte er unbedingt ab, da er den Lichtäther für ebenso un-begreiflich und unzulässig ansah wie die atomistische Hypo-these; hierdurch verschloß er sich leider den damals einziggangbaren Weg zur Einsicht in die großen, durch die franzö-sischen Forscher jener Periode angebahnten Wandlungen dertheoretischen Optik; auch den Lehren Fraunhofers über diedunklen Linien im Spektrum, die später durch Entdeckungder Spektralanalyse zu so ungeheuerer Bedeutung gelangten,versagte er jeden Anteil ebenso vollkommen, wie einige Zeit