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[1] (1906)
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GOETHE'S FARBENLEHRE

mächtigen Geist Newtons ansah, so glaubte er an ein un-parteiischeres und größeres Publikum appellieren zu sollenund ließ in den Jahren 1791 bis 1792 die Ergebnisse seiner For-schungen unter dem nicht glücklich gewählten Titel »Beiträgezur Optik" im Drucke erscheinen. Doch der Erfolg war keines-wegs der erwartete. Die große Menge der Laien wußte mitdiesenBeiträgen" überhaupt nichts anzufangen, ja verstandgar nicht, um was es sich eigentlich handle. Den Physikernvon Fach aber dünkte es schon eine Art Anmaßung, daß ein,nach eigenem Geständnisse in der Mathematik so gut wie un-bewanderter Dichter eine Schrift über Optik zu veröffentlichenwage, also über ein Gebiet, das man allgemein als der mathe-matischen Physik zugehörig ansah. Ohne sich auf eine eigent-lich kritische oder sachlich begründete Ablehnung einzulassen,leisteten sie daher denWiderstand der Schule", wie ihnGoethe treffend zu nennen pflegte, und wiesen den Verfasserzurück auf dieOptik" Newtons.

Vergeblich wandte Goethe ein, daß ja Newton in diesernur einen einzigen, an sich und durch die Art der Versuchs-ausstellung beschränkten Fall der Farbenlehre behandelt habe,und diesen nicht einmal erschöpfend, während er alles übrigeim Dunkel ließ, ja, es durch seine Darstellung noch ver-wirrte. 1 Aber diese und andere Darlegungen wurden vonden Physikern völligsekretiert", was Goethe gerade wiederreizte, auf seiner Bahn zu beharren, und der Aufzeigung derNewtonschen Unklarheiten, Irrtümer und Fehler, sowie derBerichtigung der Newtonschen Beobachtungen und Deutungenein stets steigendes Interesse zu widmen, das schließlich zu einerwahren Leidenschaft anwuchs. Stellte er doch während des un-glücklichen französischen Feldzuges von 1792, vom Getümmel desFeldlagers umgeben, optische Versuche an, und bemühte sichwährend so mancher Nacht die Richtigkeit seiner Lehre be-

1Farbenlehre", Bd. IV, S. 394.