GOETHE'S FARBENLEHRE
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mochte aber seine Instrumente nicht über die zulässige Zeithinaus entbehren; er reklamierte sie wiederholt, und als dieletzte Frist verstrichen war, sandte er, ohne Rücksicht auf denCharakter des Entlehnenden als höchsten Vorgesetzten understen Staatsministers, einen Boten, um sie zurückzufordern.Im Begriffe, sie dem Abgesandten in die Hände zu geben,wollte Goethe in der Eile doch noch wenigstens einen kurzenBlick durch ein Prisma werfen, was er seit den Jahren derKindheit nicht mehr getan hatte. So sah er denn gegen einegroße, frisch geweißte Wand, in der (freilich ganz irrtümlichen!)Erwartung, ein durchaus buntes vielfarbiges Bild zu schauen;statt dessen aber zeigte sich ihm zu seiner Überraschung dieeigentliche Wandfläche weiß wie vorher, und nur an ihrenRändern traten verschiedene Farben auf, und zwar in räum-licher Trennung, Gelb und Rot auf der einen, Blau und Violettauf der anderen Seite. Gleich auf diesen ersten Blick hin fol-gerte Goethe, daß offenbar die Farben überhaupt nur anden Grenzen erscheinen könnten, dort wo Hell mit Dunkel,Weiß mit Schwarz, Licht mit Finsternis sich berühre, und daßes sich mit diesen Gegensätzen hier sichtlich ebenso verhalte,wie in den ihm längst geläufigen Beispielen des malerischenKolorits, der Luftperspektive, und der farbigen Schatten. Einesolche Entstehung objektiver Farben durch das Zusammen-wirken der bezeichneten Gegensätze schien ihm durchaus neu,und mit Newtons Theorien ganz unvereinbar.
Von diesem Gedanken völlig erfüllt, behielt er nun diePrismen zurück, stellte neue Versuche an, und vergewissertesich seiner Überzeugung. Er teilte sie sodann einigen be-freundeten Physikern mit, sah sie aber von diesen zu seinemVerdrusse bestritten: sie erklärten die Erscheinung selbst fürnicht neu, für wohl vereinbar mit Newtons Theorie, und fürableitbar aus dessen Prinzipien, wenn auch nicht auf die ein-fachste und überzeugendste Weise. Da aber Goethe diePhysiker als befangen durch ihre Ehrfurcht gegen den über-