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GOETHES FARBENLEHRE
aber rein empirische Regeln. So befragte er denn weiterhindie Physiker. Diese waren gewohnt, die Farbenlehre in derOptik zu behandeln, gemäß gewissen Lehren der Mathematik,— die hier freilich nach Goethes instinktivem Gefühl „ganzfern liegt und nicht mitspricht" 1 —, und zwar wesentlich imAnschlüsse an die Gesetze der Brechung des Lichtes; durcheine Brechung des Lichtes erklärt man bekanntlich die Tat-sache, daß die Lichtstrahlen beim Übergange aus einem Mediumin ein anderes eine gewisse Ablenkung erfahren, so daß z. B.ein in Wasser getauchter Stab „gebrochen", ein durch einPrisma betrachteter Gegenstand um einen gewissen Winkelvon seinem Orte verschoben erscheint. Die zu Goethes Zeitunbeschränkt herrschende optische Theorie war die Newtons.Dieser große Physiker lehnte bekanntlich die heute allein herr-schende Wellentheorie des Lichtes ab, und sah das Licht alseine Emanation an, d. h. als bestehend aus einer ungeheurenMenge unendlich kleiner stofflicher Teilchen, die von den leuch-tenden Gegenständen ausgeschleudert oder ausgestrahlt würden;die Farben waren ihm Lichter von verschiedener Brechbarkeit,die von Natur aus ein physikalisch verschiedenes Wesen be-sitzen, und daher auch vom Auge in entsprechender Ver-schiedenheit wahrgenommen werden. Diese ganze Lehre unddie ihr zur Stütze dienende Theorie widersprach den Funda-mentalanschauungen Goethes völlig; da aber die Physikerdogmatisch an ihr festhielten, ja jede Diskussion für über-flüssig erklärten, so beschloß er zunächst, die grundlegendenVersuche Newtons zu wiederholen.
Zu diesem Zwecke lieh er sich aus dem physikalischenInstitute zu Jena einige gläserne Prismen; infolge vielseitigerAbhaltungen kam er aber monatelang nicht dazu, die geplantenExperimente zu beginnen. Der Professor der Physik zu Jena,Hofrat Büttner, ein sehr genauer und gewissenhafter Mann,
1 „Goethe's Gespräche", ed. Biedermann (Leipzig 1889ff.), Bd. VI,S. 330.