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GOETHE'S FARBENLEHRE
der großen Mehrzahl der Laien nur vom Hörensagen bekannt.Und dennoch zählt sie schon äußerlich zu den umfassendstenHervorbringungen des Dichters, erfüllt in der neuesten WeimarerAusgabe nicht weniger als fünf Bände mit mehr als 2000 Seiten,und steht vor uns als die einzige völlig ausgearbeitete undnach allen Seiten hin abgeschlossene naturwissenschaftlicheSchrift Goethes. Zudem lag ihm gerade dieses Werk ganzaußerordentlich am Herzen: er bezeichnete es nicht selten alsein „Werk seines Lebens", suchte es dem Verständnisse derWeimarer Freunde durch wiederholte „Vorträge" näher zuführen, deren Handschriften sich im Qoethe-Archive vor-gefunden haben, und legte zu Zwecken des Studiums und derErläuterung jene große Sammlung physikalischer und optischerApparate an, die noch jetzt im Goethe-Hause zu Weimarzu sehen sind. Schon allein aus diesen Gründen sollte eineArbeit, auf die der Autor selbst so besonderen Wert legte,keinesfalls in der zumeist üblichen Weise vernachlässigt werden;der Anspruch darf mindestens mit Recht erhoben werden, daßman zunächst die Mühe nicht scheue, sich des genaueren mitihr bekannt zu machen.
Die oft aufgeworfene Frage, wie denn Goethe eigentlichdazu kam, ausführliche Studien über die Natur der Farbenanzustellen und sie in einem so umfangreichen Werke nieder-zulegen, ist unschwer zu beantworten, weit leichter als dieanalogen Fragen, die sich bei manchen seiner rein dichterischenWerke erheben, und den Literaturhistorikern oder Kommentatorenschon so manche Schwierigkeiten bereiteten. Im vierten Bandeder Farbenlehre 1 hat nämlich Goethe selbst unter dem Titel„Konfession" die einschlägigen näheren Angaben niedergelegt.Schon seit früher Jugend, besonders aber seit der Zeit deritalienischen Reise, die ihm die Farbenpracht der Natur wieder Gemälde in überwältigender Weise vor Augen führte, warseine Aufmerksamkeit auf mancherlei optische Erscheinungen
1 Weimarer Ausgabe. „Naturwiss. Schriften", Bd. IV, S. 283.