196 ALRAUN UND SCHWARZER HUND
Glauben, und die Beschuldigung, Alraune erworben oder be-nutzt zu haben, bildete einen stehenden Anklagepunkt gegendie, des Verkehres mit bösen Geistern, Hexen, Teufeln u. s. f. Ver-dächtigen; obwohl nun, wie Du-Cange berichtet, 1 die PariserBehörden schon im 14. Jahrhunderte aufgeklärt genug waren,den Verkauf von Alraunwurzeln als Betrug zu verbieten unddie Wurzeln ins Feuer zu werfen, so begegnen wir daherdennoch z. B. der „Alraunzauberei" unter den Gründen, die1431 zur Verurteilung und Verbrennung der Jungfrau vonOrleans Anlaß gaben, ja noch 1578 führt der gelehrte JesuitDel Rio es anscheinend als einen Beweis besonderen Mutesan, daß er eine Mandragora den Flammen überliefert habe. 2
Das 16. und 17. Jahrhundert zeitigten eine reichhaltige, dieAlraunpflanze und ihre wunderbaren Eigenschaften betreffendeLiteratur, die zu einem großen Teile deutschem Boden ent-sproß, 3 und manche spezifisch germanische Züge aufweist.Alle Berichte stimmen annähernd in folgenden wesentlichenPunkten überein: Die Alraunwurzel ist von menschlicher Ge-stalt, entsteht aus dem Samen eines unschuldig Gehängten, be-sonders eines schätzelüsternen Erbdiebes, wächst daher häufigunter den Galgen, und heißt deshalb auch „Galgenmännlein";sie zu gewinnen, ist mit Lebensgefahr verknüpft, da sie beimHerausziehen so entsetzlich schreit, daß, wer es hört, vorSchrecken sterben muß; wer sie daher ausgraben will, derverstopfe sich die Ohren mit Wachs, mache vor Sonnenaufgang,und nach Westen blickend, drei Kreuze über die Wurzel,binde einen hungrigen schwarzen Hund an sie, halte diesemFutter vor, und blase zugleich in ein starkes Horn, um dastodbringende Geschrei der Pflanze zu übertönen. Der Hundfällt tot zu Boden, sobald die Wurzel ans Licht gelangt; manwäscht diese mit rotem Wein, legt sie in ein rotes Tuch, be-
1 „Glossarium" IV, S. 224. 2 Siehe Graesse, „Beiträge zur Literaturund Sage des Mittelalters", Dresden 1850, S. 45. a Graesse (a. a. O.,S. 56) zählt 18 ausführliche Schriften auf.