ZUR GESCHICHTE DES GLASES IM ALTERTUMS 75
korinthischem Erze vor, und wären sie unzerbrechlich, zöge ich sieauch jenen aus Gold vor, denen sie jetzt freilich nachstehen.Übrigens gab es einmal einen Handwerker, der einen unzer-brechlichen gläsernen Pokal machte (qui fecit phialam vitreamquae non frangebatur); er überreichte ihn als Geschenk demKaiser, ließ sich ihn von diesem zurückgeben und schleuderteihn auf den Estrich. Der Kaiser erschrak hierüber außer-ordentlich; jener aber hob den Pokal, der gleich einem me-tallenen nur eine Beule davongetragen hatte, vom Boden auf,holte ein Hämmerchen hervor, und besserte ihn in aller Ruheschönstens wieder aus. Nunmehr erhoffte er Jupiters Himmel zurBelohnung, und als der Kaiser nachdrücklich fragte, ob noch je-mand diese Behandlung des Glases (condituram vitreorum) ver-stehe, verneinte er es; da befahl der Kaiser, ihn zu enthaupten,damit nicht, wenn jene Behandlung bekannt werde, der Wertdes Goldes auf den des Tones herabsinke."
In dieser Erzählung kann man allenfalls eine Anspielung aufdie Herstellung von Hartglas sehen, die angesichts der im Alter-tume wohlbekannten Benutzung von Öl und Fetten zum Löschenund Härten des Stahles keineswegs undenkbar erscheint; vonder Abscheidung eines Metalles, und gar eines dem Aluminiumähnlichen, ist aber, wie man sieht, gar nicht die Rede, und derganze Bericht ist überhaupt nicht so wortgetreu und ernsthaftzu nehmen. Bei Dio Cassius 1 ist der Künstler ein Bau-meister, der die Glasscherben einfach wieder mit der Handzusammendrückt und alsbald das unversehrte Gefäß dem Kaiseraufs neue darbietet, und bei Plinius heißt es: 2 „Unter derRegierung des Tiberius soll man es verstanden haben, das Glasso zu behandeln, daß es biegsam bleibt, aber die Werkstättedes Meisters soll gänzlich zerstört worden sein, damit der Wertdes Erzes, Silbers und Goldes nicht sinke; dieses Gerücht istjedoch mehr verbreitet als glaubwürdig."
Die Anekdote vom biegsamen und hämmerbaren Glase
1 Hb. 57, cap. 21. 2 „Historia naturalis", lib. 36, cap. 66.