72 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES
dieser Richtung findet sich bei Dioskorides bereits Vorsorgegetroffen: ausdrücklich gibt er an, daß die Aus- und Um-schmelzung des Fettes, Knochenmarkes, Galbanumharzes unddergl. statt über freiem Feuer oder in der Sonnenhitze, auch ineinem Topfe oder einer durch Deckel geschlossenen Büchse ge-schehen könne, die man in ein Gefäß mit heißem Wasser einstelleoder einhänge. 1 Hier haben wir also eine ganz klare und keines-wegs auf Neuheit Anspruch machende Beschreibung des Wasser-bades, aus der zunächst die Müßigkeit aller Konjekturen zuersehen ist, die diese Erfindung erst in das dritte oder viertenachchristliche Jahrhundert verlegen und einer Persönlichkeitdieses Zeitalters zuschreiben wollen. Ohne an dieser Stelle aufdie Geschichte des Wasser- und Sandbades näher einzugehen,sei nur kurz erwähnt, daß vermutlich beide kulinarischen Ur-sprunges sind, wie denn z. B., — worauf K B. Hofmann zu-erst hinwies —, schon der alte Cato (gest. 149 v. Chr.) dasWasserbad in seiner Schrift: „Über die Landwirtschaft", zurHerstellung einer „Erneum" genannten Speise empfiehlt; weitfrüher, nämlich im vierten vorchristlichen Jahrhunderte, be-schreibt aber, — was meines Wissens noch niemand be-merkt hat —, bereits Theophrast, der Schüler und Nach-folger des Aristoteles, deutlich das Wasserbad, und zwarzu Zwecken der Extraktion eines ätherischen Öles. Dios-korides spricht vom Schmelzen des Knochenmarkes im Wasser-bade unter der Bezeichnung „sv SixXwjj .aTt", die sich offenbarauf die doppelte Hülle bezieht; wenn wir in heutigem Sinnevon einem „Diplom" reden, so ist also dieser Name, wie ingar manchen Fällen verwandter Art, von der Form auf denInhalt übergegangen.
Zum Schlüsse sei bemerkt, daß bei Dioskorides nochkeinerlei Spuren jener eigentlich alchemistischen Ideenauftauchen, die sich in Ägypten vom zweiten und dritten Jahr-
1 2, 86 u. 95; 3, 87. Eine ähnliche Bemerkung findet sich auch beiPlinius (20, 27).