312 VERSEHEN DER SCHWÄNGERN
de» Schreckens (z. B. eine Maus, eine Flamme etc.) soll sich bildlich ander gebornen Leibesfrucht darstellen, oder auch besonders an jenen Theilensich zeigen, welche die Mutter an sich selbst während des Schreckens be-rührte, i. B. am Gesicht, wenn dieselbe beim Erschrecken mit der Handsich über das Gesicht fuhr. Bedenkt man, wie wenig eine Frau selbst beialler Sorgfalt innerhalb ganzer neun Monatees verhindern kann, über irgendetwas einmal zu erschrecken, sich zu erzürnen etc., wie daher nur sehrwenig oder fast gar keine Kinder ohne solche Abzeichen und Entstellungengeboren werden könnten, wenn jene Volksmeinung wirklichen Grund hätte,so erscheint, anderer Gründe hier zu geschweigen, jene Meinung vom Ver-sehen als völlig grundlos. Wird ein Kind mit einem Muttermal, welchesbekanntlich die verschiedenartigsten Formen und Farben annehmen kann,geboren, so wird die geschäftige Phantasie nicht leicht um eine Deutungdesselben (z. B. eines haarigen Fleckes als Maus, eines rothgefärbten alsFlamme etc) verlegen sein, und noch leichter wird irgend ein Umstand,der sich in der Schwangerschaft ereignete, aufzufinden sein, auf welchensich das Unglück sehr gut schieben lässt. An die tausend und aber tausendSchwangerschaften, die oft (z. B in Kriegsjahren, bei grossen Feuers-brünsten, schnellen Wasserfluthen etc.) unter den heftigsten Gemüthsbewe-gungen verlaufen und mit der Geburt ganz wohlgebildetcr Kinder sich en-digen, wird dabei freilich nicht gedacht; was aber einmal naturgemäss sichereignete, muss sich unter denselben Verhältnissen jedesmal wiederholen,■wenn es wirklich Naturgesetz sein soll. (Diese Verhältnisse können aber«ehr verschieden, sehr complicirt sein, — sind daher näher zu untersuchen.Nicht in allen, meist nur in den ersten zwei Monaten der Schwangerschaft,kann das Versehen stattfinden, nicht bei allen Frauenzimmern, nur bei reiz-baren, — nicht zu allen Tageszeiten gleich häufig: am Morgen, bei nüch-ternem Magen leichter, als am Abende etc. Most.) Dass Gemütsbewe-gungen der Mutter, besonders in den frühesten Monaten der Schwanger-schaft, von nachtheiliger Einwirkung auf die Bildung der Frucht sind, ist,wie wir schon oben zeigten, unleugbar, und die Schwangere hat daher sichmöglichst vor starken Gemüthsbeweguugen aller Art zu hüten; aber siemuss auch durch jene abgeschmackte und vor dem Lichte einer bessernNaturforschung nicht bestehende Meinung vom Versehen sich nicht zu un-zeitiger Angst verleiten lassen, da gerade diese am nachtheiligsten für ihreFrucht werden kann. Die Natur, überall gross und gütig, hat gerade fürdie Fortsetzung der Frucht so vorzügliche Sorge getragen, dass i cht jedekleine Abweichung in der Lebensweise und jede geringfügige Einwirkungvon aussen ihr grosses Werk stören kann, und alle Hemmungen, die ihrdabei entgegentreten, gleicht sie aus, und macht sie unschädlich, so weitdies nur irgend noch in ihren Kräften steht." (Die Fälle von Versehen, diealle Glaubwürdigkeit verdienen, sind gar nicht so selten. F. IV. Köhler[s. v. Gräfe und v. IValther's Journ. f. Chir. u. Augenhkde. 1839. Bd. 28.Heft 3. S. 466] führt sechs dergleichen ar.; ebenso mehrere andere FälleC. Gräfe [s. Hufeland's Journ. Bd. 85. S. 104]. Ich selbst habe der-gleichen einige beobachtet, unter denen ist auch ein Fall, wo ein Kind(es lebt in hiesiger Stadt und ist jetzt circa 5 Jahr alt) mit einem Armoohne Finger an der Hand geboren wurde. Die Mutter erschrak im zweitenMonate der Schwangerschaft über einen Bettler, der ihr, um das Mitleidzu erregen, eine ähnliche Verstümmelung au seiner Hand zeigte. Noch zweiandere merkwürdige Fälle von Versehen theilt Dr. Wrangeil (Hamburgermed. Zeitschr. von Fricke etc. Bd. 11. Heft 4. — Schmidts Jahrbücher,1840. Bd. 25. Nr. 1. Heft t. S. 144) mit: 1) Frau Baronin E. wurde im8ten Monate ihrer Schwangerschaft von einem schwächlichen, jedoch leben-den Knaben entbunden. Bei genauer Besichtigung, gleich nach der Geburtdes Neugebornen, im Ganzen wohlgebildet, fand sich der rechte Vorder-arm, etwa auf der Mitte desselben, in einen Stumpf endend. Die Mutterhatte ganz im Anfange der Schwangerschaft auf einem Spaziergange unver-muthet den vorgestreckten Stummel des Vorderarms eine» bettelnden Inva-