Verwesung.
263
lehrt hat. Dadurch aber gestalten sich Gährung und Fäulniss zu ge-wissermaassen physiologischen Vorgängen, während die Verwesung einrein chemischer Process ist. Aber auch wenn wir die chemische Seite die-ser Vorgänge ins Auge fassen, ergiebt sich ein wesentlicher Unterschied:bei der Gährung und Fäulniss gruppiren sich die Elemente der organi-schen Körper nach anderen Verhältnissen und es entstehen dabei zahl-reiche neue organische Verbindungen, bei der Verwesung dagegen er-leidet die organische Substanz in der umgebenden Luft eine langsameVerbrennung, sie wird in rein anorganische Verbindungen übergeführt,^lan hat die Verwesung auch wohl als eine bei Zutritt von Luft undWasser erfolgende langsame Verbrennung von einem Gährungsprocessbogleitet definirt (Gmelin); allein diese Definition halt bei nähererBetrachtung und namentlich neueren Versuchen gegenüber nicht Stand.Es ist richtig, dass in der Wirklichkeit die Verwesung häufig von einemGährungsact begleitet ist, insofern nämlich wir Fäulniss Gährung nen-nen wollen, und die Verwesung thierischer Substanzen im Auge haben.Es liegt in der Natur der Sache, dass hier die Grenzen zwischen Fäul-niss und Verwesung praktisch vermischt sind, beide Processe laufen ineinander; aber theoretisch haben sie nichts mit einander zu schaffen,undes ist unrichtig, dass ein Gährungsact der Verwesung vorhergehen odersie nothwendiger Weise begleiten müsse. Die Versuche von Karstenhaben gezeigt, dass einfache reine Kohlehydrate wie z. B. Zucker undandere stickstofffreie Substanzen, demnach nicht fäulnissfähige, bei Be-wegung und Erneuerung der Luft wenn auch nur sehr langsam dochfortdauernd in Oxydation zu Kohlensäure und Wasser d. h. in lang-samer Verbrennung begriffen sind, und ebenso fand Karsten, dassauch vollkommen trockene stickstofffreie Substanzen wie Zucker u. a. beider Einwirkung trockener atmosphärischer Luft allmälig oxydirt wer-den. Weder die Gegenwart von Wasser noch Stickstoff noch endlichhöhere Temperatur sind nothwendige Bedingungen für den Verwesungs ■process, obgleich es sicher ist, dass durch diese Momente derselbe we-sentlich beschleunigt wird.
So wie die Verbrennung im engeren Sinne, bis sie zu den End-produeten vorgeschritten ist, gewisse Zwischenphasen durchläuft, inwelchen verschiedene intermediäre Producte erzeugt werden, so istdies sicherlich auch bei der Verwesung der Fall, nur ist es hier beider ungemein geringen Menge von Material, welches in der Zeitein-heit in die Zersetzung eintritt, ungleich schwieriger, diese Zwischen-produete nachzuweisen.
Bei der Verwesung verbrennen der Kohlenstoff und Wasserstoffder organischen Verbindungen zu Kohlensäure und Wasser, der Stick-stoff 1 entwickelt sich theils gasförmig, theils geht er, nachdem er durchvorhergehende Fäulniss bereits in Ammoniak umgesetzt war, seeundärbei Gegenwart von Salzbasen und Luft in salpetrige und Salpetersäureüber. Indem bei der Verwesung die organische Substanz immer mehrKohlenstoff und Wasserstoff verliert, sollte man glauben, der Rückstandmüsse immer reicher an Sauerstoff werden. Dies ist aber keineswegsimmer der Fall. Es kann z. B. während sich Kohlenstoff mit Sauer-stoff zu Kohlensäure verbindet, ein grosser Theil des in der Substanzenthaltenen Sauerstoffs mit dem Wasserstoff als Wasser austreten, sodass der Rückstand an Kohlenstoff reicher wird. So verhält es sichnach Saussure beim Verwesen des Holzes zu dem an Kohlenstoff