Druckschrift 
9 (1864) [U - Z]
Entstehung
Seite
262
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

262

Verwesung.

täten der die organischen Stoffe zusammensetzenden Elemente mehrund mehr in den Vordergrund treten, wodurch complexere organischeStoffe in einfachere, einfachere organische in anorganische zerfallen.Obgleich wir es hier zunächst nur mit dem Process der Verwesungzu thun haben, so ist es doch unthunlich diesen Vorgang ohne Be-zugnahme auf Gährung und Fäulniss ins Auge zu fassen, eine der-artige Bezugnahme ist um so weniger zu umgehen, als der Sprach-gebrauch nicht allein diese Dinge vielfach durcheinanderwirft, son-dern sie auch in der Wirklichkeit sich vielfach combiniren und gleich-zeitig verlaufen. So verwandt aber diese Processe in gewissen Bezie-hungen sind, so zeigen sie doch andererseits fundamentale Verschieden-heiten. Zwar kann man nicht gerade behaupten, dass es leicht ist, diefraglichen Vorgänge nach allen Seiten theoretisch scharf auseinander-zuhalten, und namentlich gilt das von Gährung und Fäulniss; alleinGährung und Fäulniss einerseits und Verwesung andererseits lassensich durch ein Moment theoretisch scharf genug von einander abgren-zen, durch die Rolle nämlich, welche bei diesen Vorgängen die at-mosphärische Luft übernimmt. Während bei den Gährungs- und Fäul-nisserscheinungen die atmosphärische Luft nur in mittelbarer oder unter-geordneter Weise betheiligt ist, ist sie bei der Verwesung Hauptfactordes Vorgangs. Die Verwesung pflanzlicher und thierischer dem Le-benseinfluss entzogener Materien ist ein bei gewöhnlicher Temperaturlangsam und allmnlig erfolgender aber bis zu den Endproducten derVerbrennung fortschreitender Oxydationsprocess, der alles Organischevernichtet und in Elemente und ihre einfachsten anorganischen Verbin-dungen überführt. Da wo in einem organischen Körper die Verwesungbeendigt ist, da ist von Leben keine Hede mehr, und der Satz: „imTode keimt das Leben" hat für die Verwesung nur insofern Geltung,als die Produete der Verwesung Nahrungsmittel der Pflanzen sind.Wesentlich verschieden aber verhalten sich in dieser Beziehung Gäh-rung und Fäulniss. Der Eintritt dieser Vorgänge ist von dem Vor-handensein lebender pflanzlicher und thierischer Keime als Erreger ab-hängig, die sich im Verlauf derselben vermehren, entwickeln und unter-gehen um neuen Platz zu machen, sich auf Kosten des gährenden oderfaulenden Körpers ernähren und mit diesem in einer beständigen che-mischen Wechselwirkung stehen; die atmosphärische Luft ist bei die-sen Vorgängen nur insofern betheiligt, als sie die zur Einleitung desProcesses nöthigen Keime, die sie stets enthält, zuführt. Sind dieseKeime einmal vorhanden, so ist jeder weitere Zutritt derselben ohneBedeutung für den Fortgang des Processes.

Durch die zahlreichen in den letzten Jahren über diese Vorgängeangestellten Versuche von Schröder und Dusch, Hoffmann, vanden Brock und ganz besonders von Pasteur, dessen Untersuchungendurch ihre Ausdehnung und die Sorgfalt bei ihrer Ausführung eine her-vorragende Stelle einnehmen, ist die früher freilich auf Grund un-vollkommener Versuche von Schwann, Ure und Helmholtz vertre-tene Ansicht, dass der Eintritt der Gährungs- und Fäulnisserscheinun-gen abhängig sei von dem Zutritt in der Luft vorhandener lebenderKeime theils pflanzlicher (Pilze) theils thierischer ("Infusorien) alsbewiesen zu erachten, so wie auch Pasteur die Wechselwirkungenzwischen den in den gährenden und faulenden Körpern sieh vermehren-den und entwickelnden Keimen und erstere selbst näher kennen ge-