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2 (1884) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
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Tastsinn und Geraeinprefühl.

schnitt zu diesem Zwecke Kaninchen den Hirnstamm mittelst eines Schnittesdurch die Varolsbrückc. Als ich eines Tages ins Laboratorium kam, fandich eines seiner Thiere liegend mit eigcnthümlichen Gehbewegungen, wiesie diese Thiere häutig zeigten. Die Thiere lagen auf der Seite, machtenaber in ganz regelmässigem Tempo Bewegungen mit den Extremitäten,wie beim Gehen. Ich fasste das Thier an einer Extremität an und drücktesie etwas zusammen. Augenblicklich hörten die Gehbewegungen auf, unddas Thier lag vollkommen still. Ich Hess das Bein los, es setzte sichwieder in Bewegung. Ich nahm eine Hautfalte und drückte sie in der-selben Weise wie früher das Bein, das Thier lag vollkommen still. IckHess sie wieder los, das Thier setzte sich wieder in Bewegung. Ich nahmeines der Ohren und drückte es zwischen den Fingern; das Thier lagwieder vollkommen still, und als ich das Ohr losliess, setzte es sich wiederin Bewegung. Ich konnte diese Versuche, so oft ich wollte, wiederholen,das Resultat war immer dasselbe. Es war durch eine Erregung, die zumCentralorgan fortgepflanzt worden war, eine Beflexhemmung entstanden,es waren motorische Impulse, die sonst die Bewegung ausgelöst hätten,gehemmt worden. Nun machte ich in einem Reagirglase Wasser siedendund versuchte, ob ich dadurch, dass ich durch das siedende Wasser einenSchmerz erzeugte, die Gehbewegungen stillstehen könne. Aber dies warvollkommen wirkungslos. Das Thier machte einige Bewegungen, als ob essich dem Reize entziehen wollte, aber die Gehbewegungen dauerten fort.Als ich endlich das Glas mit heissem Wasser an die Ohrmuschel brachte,fing das Thier heftig zu schreien an; aber es machte seine Gehbewe-gungen nach wie vor. Es waren also hier durch einen mechanischen Beizund andererseits durch einen Temperaturreiz ganz verschiedene Reflexeausgelöst, das eine Mal eine Hemmung, das andere Mal Reflexbewegung,Schreien.

Ich muss jedoch hinzufügen, dass man aus der Verschiedenheit derReflexe noch nicht mit Sicherheit auf besondere Nerven für die Tempera-turempfindungen schliessen kann. Wir haben vorher gesehen, dass es imhohen Grade wahrscheinlich ist, dass die Empfindung des Kitzeins unddie Schmerzempfindung von einer und derselben Art von Hautnerven ver-mittelt wird. Wenn Sie nun aber ein Individuum unter den Eusssohlenkitzeln, dann bringen Sie es zum Lachen, wenn Sie ihm aber die Basto-nade auf die Fusssohlen geben, so werden Sie dadurch eine ganz andereBeflexbewegung hervorrufen, nämlich das Schreien. Obgleich es sich hierhöchst wahrscheinlich um dieselben Nerven handelt, so werden doch ver-schiedene Reflexe ausgelöst.

Wir stehen also in Rücksicht auf die Temperaturnerven, wie inRücksicht auf die Nerven des Gemeingcfühls überhaupt noch im Zweifel.Wir können nicht sagen, wie viel verschiedene Arten von empfindendenNerven wir haben, welche von unseren Empfindungen uns durch diejenigeArt von Nerven zugebracht wird, welche uns auch zum Tasten dient,und welche Empfindungen uns noch zugebracht werden durch besondere,speeifische Nervenarten.

Hieran knüpft sich die Frage, ob es einen sechsten Sinn gibt. Ab-gesehen von den Irrthümern, welche durch Magnetiseure, durch Mesmeristenverbreitet worden sind, sind es wesentlich die Versuche von Spallanzani,welche dazu geführt haben, diese Frage zu erörtern.