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2 (1884) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
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Tastsinn und Gemenipefülil.

gegen Schmerz verloren gegangen war und doch noch ein ziemlich gutesTastgefiihl existirte. Man kann diese Beobachtungen nicht von der Handweisen; eine derselben, die berühmteste, wurde von einem Genfer ArztViousseux, der seinen Zustand ausführlich beschrieb, an sich selbst ge-macht. In neuerer Zeit hat diese Thatsache weitere Bestätigung gefundendurch die Aussagen, welche Individuen über ihren Zustand in der Aether-oder Chloroformnarkose gemacht haben. »Sie haben nicht selten ausgesagt,sie wären so weit narkotisirt worden, dass sie keinen Schmerz empfundenhätten, aber sie hätten noch gehört, gesehen, sie hätten noch die Dingegefühlt. Es scheint dies auf den ersten Anblick zu beweisen, dass ver-schiedene Arten von Nerven uns die Tastempfindungen und die Schmerz-empfindungen vermitteln. Man kann aber die Sache auch anders erklären.Man kann sie sich auch so erklären, dass zwar noch Eindrücke zumGehirne fortgepflanzt werden können, dass aber diese Eindrücke im Ccntral-organc nicht mehr diejenige Höhe erreichen können, um eben Schmerz-empfindungen zu veranlassen, und dass deswegen die betreffenden Indivi-duen zwar noch fühlen, aber keinen Schmerz, empfinden. Man kann aberdie Sache auch noch in anderer Weise erklären. Man kann sich vor-stellen, dass im Gehirne, abgesondert von den Theilen, in denen unsereTastempfindungen ausgebildet werden, eigene Gebilde vorhanden seien,deren Erregung uns Schmerz verursacht, und die ich als Schmerzcentrabezeichnen will. Sie könnten von den Tastnerven aus erregt werden, abernur durch Reize von einer gewissen Stärke, von einer grösseren Stärke,als sie nöthig ist, um Tastempfindungen zu erregen. Es würde für sieeine eigene Reizschwelle, die Schmerzschwelle existiren, und sie würdenvermöge dieser gewissermassen als Wächter für die Integrität unseresLeibes aufgestellt sein, indem sie uns, sobald die Schmerzschwelle über-schritten wird, zur Abwehr oder zur Elucht aufrufen. Denke ich mir nun,dass speciell diese Centra bei Vieusseux gelähmt waren, und dass dasChloroform diese Centra zuerst lähmt, so begreift sich der anscheinend soräthselhafte Zustand. Diese Vorstellung würde, wie man leicht einsieht,auch mit der verschiedenen Erscheinungsweise, welche der Schmerz jenach der verschiedenen Art der Erregung annimmt, sehr wohl vereinbarsein. Wir sehen hier zugleich, dass wir wohl unterscheiden müssen zwi-schen der Verschiedenheit der Centra und der Verschiedenheit der Zu-leitungsbahnen. Unsere jetzige Anschauung von den Sinnesempfindungentreibt uns dahin, für alle Empfindungen, die einmal als eigenartig erkanntsind, eigene empfindende Gebilde im Centralorgane zu suchen; es sei denn,dass sie erklärt werden können aus der gleichzeitigen Erregung mehrererCentralgebilde, deren Einzelerregung qualitativ verschiedene Empfindungenhervorruft. Aber es braucht nicht jedes Centralgebilde eine eigene Bahnzu haben, welche ihm von der Peripherie aus Erregungen zuführt. Sonehmen wir hier an, dass für die Schmerzempfindung eigene Centra vor-handen sind, dass denselben aber die Bahnen gemeinsam sind mit denCentren, welche uns die Tastempfindungen erzeugen.

Wir kommen jetzt zu einer zweiten, fast noch schwierigeren Frage,zu der: Wie ist es mit den Temperaturempfindungen? Wir wissen, dasswir im Ganzen warm empfinden, wenn das Blut reichlich durch die Ca-pillaren unserer Haut hindurcheirculirt, und dass wir kalt empfinden,wenn das Blut aus den Capillaren unserer Haut zurückweicht und sich