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2 (1884) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
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Gehirn.

den Flügeln und kommt, nachdem es endlich heruntergeflattert, in un-beholfener Weise zu Boden.

Wie verhält es sich mit dem Bevvusstsein und den Sinneswahr-nehmungen eines solchen Thieres? Fragen wir zunächst, empfindet einsolches Thier Schmerz? Wenn man das Huhn kneipt, fängt es an zuflattern und sucht zu entfliehen. Man hat auch enthirnte Thiere zumSchreien gebracht. Man hat daraus geschlossen, dass sie Sehmerz empfin-den. Man sieht aber leicht ein, dass dies durch die Erscheinungen nichtbewiesen wird. Denn diese können ebensogut als Reflexbewegungen aus-gelöst worden sein, und zwar nicht nur das Schlagen mit den Flü°eln,sondern auch das Schreien, ohne dass Schmerz zum Bewusstsein kömmt.Longet beruft sieh auf die Kläglichkeit, mit der die Thiere schreien.Dies ist aber offenbar ein Missverständniss, denn die grössere oder Ge-ringere Kläglichkeit des Schreiens hängt nur von - der Art und derEnergie der Beflexbewegungen, die ausgelöst werden, ab. Wenn wireinen Menschen kläglich schreien hören, dann wissen wir allerdings;dass er bedeutende Schmerzen habe, denn ein Beiz, der im Stande ist,eine derartige Reflexbewegung auszulösen, wird ihm sicher auch einenheftigen Schmerz verursachen. Beim Thiere, das keine Hemisphären hat,kann sehr wohl dieselbe Reflexbewegung ausgelöst werden, währendmöglicher Weise von der Empfindung gar nichts zum Bewusstsein ge-langt. Denselben Maassstab müssen wir bei der Beantwortung der Frageanlegen, ob das Thier sieht. Es ist sicher, dass die Fupille auf' licht-reize noch reagirt. Wir werden später sehen, dass dies ganz natürlichist, weil der Reflexherd zwischen Opticus und Oculimotorius im Mescn-cephalon liegt, und wir dem Thiere nur die Hemisphären des Grosshirnsgenommen haben. Das Thier folgt nach Longet's Versuchen den Be-wegungen einer brennenden Kerze, die man im Dunkeln vor seinenAugen bewegt, und hieraus hat man geschlossen, dass das Thier sehe.Nach der Ausdehnung aber, die wir an den Reflexacten kennen, könnenwir diese Bewegungen auch als einen blossen Rcflexact ansehen. Wirwissen daraus keineswegs, ob das Thier eine wirkliche, bewusste Gesichts-empfindung habe.

Ebenso verhält es sich mit den Gehörsempfindungen. Das Thierschrickt bei einem plötzlichen Geräusche zusammen, dies ist aber wiederals ein blosser Reflexact zu erklären. Ich glaube ferner, an jungenHühnern, die schon seit längerer Zeit operirt waren, und die ich wiederan freiwillige JNahrungseinnahme zu gewöhnen suchte, bisweilen bemerktzu haben, dass das Thier leichter nach dem Futter zu stossen, leichterzu fressen begann, wenn ihm die Körner mit Geräusch vorgeworfenwurden, als dann, wenn man ihm das Futter leise hinschob. Man könntedas als Folge einer bewussten Gehörsempfindung ansehen. Man musssich aber sagen, dass es auch hier nicht festgestellt ist, dass dem Thiereetwas von den Zwischengliedern, die hier zwischen der Gehörsempfindnngund dem Aufpicken der Körner lagen, zum Bewusstsein kommt, sonderndass sich nur eine natürliche Kette von der Ursache zur Wirkungzwischen diesen beiden Erscheinungen hergestellt hat. Die Geruchs-empfindung ist nach allen gui angestellten Versuchen vollständig ver-loren gegangen. Magendie fand freilich, dass die Thiere noch zuriiek-wielien, wenn ihnen Essigsäure oder Aetzammoniak vorgehalten wurde.