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Das Sehen und die Farben.
Eindruck des Weissen. Da, wo der Eindruck des Weissen wegfällt, habenwir ein stärkeres Grün als im Grunde; der gespiegelte Ring erscheintdaher grün. Der andere Eing aber erscheint durch Wirkung des Con-trastes roth. Wenn man die Tafel bewegt, bleibt der rothe Eing stehen,während der grüne sich bewegt: der rothe wird also dioptrisch gesehen,der grüne gehört dem Spiegelbilde an. Diese ganze Erscheinung rührtvon einer Verschiebung unseres Urtheils her. Wir haben grünes Lichtmit weissem gemischt, welches in unser Auge hineinfällt. Dadurch wirdunsere Vorstellung vom Weiss, vom neutralen Grau verschoben, so dasswir jetzt etwas, was grau gefärbt ist, für complemontär gefärbt halten,für roth. Wir würden ein schwaches Grün jetzt, wo wir unter dem Ein-drucke der Masse grünen Lichtes stehen, eben nicht mehr für Grün, son-dern für Weiss halten. Dass wirklich diese Art der Verschiebung unseresUrtheils wesentlich in Betracht kommt, das sieht man an folgendem Ver-such, der von Helmholtz angegeben ist. Mau nimmt ein graues Papierund klebt es auf einen purpurrothen Grund. Dann erscheint das grauePapier schon einigermassen grün. Dass es wirklich nicht grün ist, davonkann man sich leicht überzeugen, wenn man das Eoth rund herum zu-deckt, die Täuschung schwindet dann völlig. Die Täuschung wird aberungleich grösser, sobald man über das rothe Papier ein anderes durch-scheinendes weisses hinüberlegt, einfach deswegen, weil man hier nuneinen anscheinend weissen Grund hat, der aber thatsächlich nicht weissist, indem das rothe Papier durch das weisse hindurch wirkt. Das Weissdes oberen Blattes täuscht uns über die wahre Farbe des Grundes. Inderselben Weise erklären sich die farbigen Schatten. Wir beleuchten einPapier gleichzeitig mit Tages- und mit Kerzenlicht und stützen einenBleistift darauf. Er wirft zwei Schatten, der eine ist blau, der andere
ist gelb. Blau ist der, der dem Kerzen-
Fig. 31.
lichte angehört, denn hier fehlt dasGelb, der andere ist durch den Con-trast gelb, weil das Papier, das auchvom Tageslichte beleuchtet ist, wenigergelb ist.
Dergleichen Vorschiebungen unseresUrtheils existiren nun nicht Mos inEücksicht auf die Farben, sondern siekommen in derselben Weise in Eück-sicht auf Hell und Dunkel vor, indemuns ein dunkler Gegenstand nebeneinem hellen besonders dunkel, undein heller neben einem dunklen be-sonders hell erscheint. Sie existirenauch in Eücksicht auf die räumlichenVerhältnisse, in Eücksicht auf Bewe-gungen. Wenn man eine Zeit langaus einem Fenster auf eine belebteStrasse hinabgesehen hat, in der siehzahlreiche Wagen nach einer Eichtunghin bewegen, und diesen mit dem Auge gefolgt ist, und blickt das Strassen-pflaster an, so scheint es, dass dasselbe sich in entgegengesetzter Eichtung
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