Das Sehen und die Farben.
159
bewege. Wenn man längere Zeit auf einen Wasserfall sieht und plötzlichauf die danebenstchenden Felsen blickt, so scheinen sie aufzusteigen. Esist gewissermassen, als ob die Geschwindigkeit des fallenden Wassers ineiner späteren Periode nicht mehr denselben Eindruck machte wie imersten Augenblick, so dass, wenn im ersten Augenblick die Geschwindig-keit V wäre, sie später eine kleinere Grösse wäre, V — k: wenn wir daherauf einen ruhenden Gegenstand sehen, scheint uns dieser mit der Ge-schwindigkeit 1c aufzusteigen. Sitzt man in einer Eisenbahn in einemHintercoupe und entfernt sich von einem Gebirge, und der Wagen hältplötzlich an, so scheint es, als ob das Gebirge näher heranrücke u. s. w.
Ja, selbst auf die Beurtheilung von Gerade und Schief, von Parallelund Nichtparallel hat eine solche Verschiebung unseres Urtheils einenwesentlichen Einfluss, wie man dies an der beistehenden, von Zöllnerangegebenen Eigur sieht. Die senkrechten schwarzen Striche sind parallel,und doch erscheinen sie geneigt, weil uns die schief auf sie gerichtetenStriche beirren.
Kehren wir zu unseren Farben zurück, so ist es klar, dass, währendje zwei und zwei Farben des Farbenkreises miteinander Weiss geben, die-jenigen, die nicht miteinander complemcntär sind, nicht Weiss, sondernirgend eine andere Farbe geben müssen, und diese Farben sind die Misch-farben, welche im Farbenkreise zwischen den complcmcntären Farben ein-geschlossen sind. So gibt lloth mit Gelb Orange, Gelb mit Blau gibt Grün,das heisst mit demjenigen Blau, welches ihm nicht complemcntär ist, mitdem Türkisenblau oder Cyanblau. Blau und Roth geben miteinander Violett,lloth und Violett Purpur.
Die Wirkungen des Contrastes machen sich nun auch zwischen zweiNachbarfarben geltend, indem jede Farbe, neben ihre Nachbarfarbe gestellt,in derselben ihre eigene Farbe ertödtet und ihre complcmcntäre Farbehervorruft. So erscheint z. B. Orange, wenn es neben lloth gestellt wird,gelb, Gelb neben Orange lässt das Orange mehr roth erscheinen u. s. w.
Als Helmholtz zuerst zeigte, dass Gelb und Ultramarinblau miteinander Weiss geben, erregte dies allgemeines Erstaunen. Namentlichalle Maler waren fest überzeugt und sind es zum Theil noch heute, dassGelb und Blau nicht miteinander Weiss geben können, weil sie täglichaus Gelb und Blau Grün mischen. Die Mischung aber, welche dort vor-genommen wird, ist eine andere als diejenige, welche auf der Netzhautstattfindet. Das Licht, das von gemischten Pigmenten zurückkommt, hatsich durch Subtraetion gemischt, das Licht aber, das sich auf der Netz-haut mischt, mischt sich durch Addition. Wenn der Maler aus Gelb undBlau Grün mischt, so mischt er gelbe und blaue Körnchen durcheinander.Das Licht, indem es durch die gelben Körnchen hindurchgeht, verliertdie am stärksten brechbaren Strahlen, und indem es durch die blauenKörnchen hindurchgeht, verliert es die am schwächsten brechbaren Strahlen;die mittleren, die grünen Strahlen bleiben übrig. Darum ist das Resultatdieser Mischung grün. — Auf der Netzhaut aber geschieht die Mischungdurch Addition, indem auf derselben Stelle der Eindruck Blau und zu-gleich auch der Eindruck Gelb erfolgt. Aber auch abgesehen hievon,auch bei Versuchen, welche auf Mischung durch Addition beruhen, fernerbei Versuchen über subjeetive Farben, über Contrastfarbon, haften diefrüheren Beobachter meist als complcmcntäre Farbe für Gelb nicht Blau,