Druckschrift 
2 : S/S. 1886 (1887) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
Entstehung
Seite
58
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

58

Gehirn.

Die Intelligenz, von der 'wir gesehen haben, dass sie herabgedrüektist, wenn beide Hemisphären verkümmert sind, kann merkwürdiger Weiseerhalten sein, wenn auch eine Hemisphäre in hohem Grade verkümmert ist.

In einem Pariser Krankenhause befand sieh, nach der ErzählungLonget's, eine Kranke, die dort lange Zeit verpflogt wurde und demganzen Personale als sehr intelligent bekannt war. Sie war unvoll-kommen gelähmt an der linken Seite und bei ihrem Tode fand man dierechte Hemisphäre nur halb so gross als die linke. In einem anderenKrankenliause starb Vaquerio, ein Mensch von gewöhnlicher Intelli-genz, er war hemiplcktisch von Geburt an gewesen. Die rechte Hemi-sphäre fehlte, wie es im Obductionsberichtc heisst, und der Eaum warmit Flüssigkeit ausgefüllt. Ein sehr merkwürdiger Fall ist in Dalmatienvon Dr. Kratter beobachtet Avordcn. Ein Morlack aus dem Narenta-Districte, Ivan Mussulin, erhielt in einem Raufhandcl einen Schlagmit einem Steine auf das Scheitelbein. Er stürzte nieder, stand aberwieder auf und erholte sich so schnell, dass er nach zwei Stunden aufdie Prätur ging und selbst seine Klage einbrachte. Er wurde verbundenund befand sich zwanzig Tage lang ziemlich wohl, so dass er seinengewöhnlichen Hantirungen und auch dem Bocccspiclo nachging. Er warimmer guter Laune und vollkommen bei sieh. Am 21. Tage ging ernoch mit hinaus zum Boccespiele, fühlte sich aber nicht wohl und wolltenicht mitspielen, äusserte indess noch seine Meinung über die Art undWeise, wie die Kugeln fielen. Er war also zu dieser Zeit noch im Be-sitze seiner Intelligenz. Beim Nachhausegehen stürzte er nieder mitdem Ausrufe: „Es ist mir übel!" und war in wenigen Minuten todt.Nach achtzehn Stunden wurde die Obduction von Dr. Kratter gemacht.Sie ergab, dass die Lamina vitrea des Scheitelbeines sternförmig zer-splittert und die Splitter durch die Dura mater eingedrungen waren. Dieganze linke Hemisphäre war nach Dr. Kratter's mündlicher Mittheilungin eine eiterige, mit Blutstreifen durchzogene Masse verwandelt, in dergraue Flocken von Gehirnsubstanz schwammen. Wir werden später sehen,dass, wenigstens so lange er ging und so lange er beide Arme willkürlichbewegte, gewisse Theile der Hemisphäre vermuthlich noch funetions-fähig waren.

Auch die Folgen und die Tödtlichkeit der Gehirnvcrletzungcn werdenmeistens in hohem Grade überschätzt. Der alte Anatom Carpi zog einemKnaben einen Nagel aus der Stirn heraus, der drei Quorfinger tief ein-gedrungen war. Nichtsdestoweniger behielt derselbe seine Intelligenz. Erwurde vollkommen geheilt und gelangte, wie erzählt wird, später nochzu hohen Würden. Ein anderer merkwürdiger Fall ist in neuerer Zeitvon einem amerikanischen Arzte, Dr. Halsted, im medicinischen Journalvon Boston beschrieben worden. Ein siebzehnjähriger, kräftiger Jünglingwurde durch einen Theil seiner Flinte, der absprang, an der Stirn ge-troffen. Derselbe durchbohrte das Stirnbein und drang i l / 2 Zoll weitin die Gehirnhemisphäre vor. Nach der Verwundung verlor der jungeMann keineswegs das Bewusstsein. Er sank nur auf Hände und Knienieder \md hörte durch einige Zeit einen anhaltenden Ton. Nach wenigenAugenblicken hatte er sich bereits wieder so weit erholt, dass er imStande war aufzustehen, das Eisen aus der Stirne zu ziehen und sichdas Blut abzuwischen. Hierauf hielt er sein Gesicht längere Zeit in eiuen

./'

T 1 ""'"'*^ ------?-!—-—-: t-t.-™-