Druckschrift 
2 (1873) Lehrbuch der organischen Chemie für den Unterricht auf Universitäten, technischen Lehranstalten und für das Selbststudium
Entstehung
Seite
16
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

16

Einleitung.

irischen Verbindungen angenommenen organischen Radicale für ihrenCharakter nicht allein maassgebend sein können, da eine Vertretung desWasserstoffs im Radicale durch Chlor, Brom, Jod, durch Untersalpeter-säure ihn nicht wesentlich beeinflusst; substituirte d. h. andere Elementeenthaltende Radicale mithin ähnlich fungiren wie die primären.

Später ermittelte man, dass so wie der Wasserstoff in organischenVerbindungen durch Cl, Br, J u. s. w. ersetzt werden kann, so umge-kehrt Cl, Br, J u. s. w. wieder durch Wasserstoff substituirt werdenkönnen.

Die Lehre von der Substitution führte durch Verallgemeinerung derihr zu Grunde liegenden Thatsachen in Frankreich zu zwei Theorien, auf-gestellt von jenen Chemikern: Dumas und Laurent, die uns mit dender Substitutionstheorie zu Grunde liegenden Thatsachen vorzugsweisebekannt gemacht hatten: zur sogenannten älteren Typentheorie vonDumas, und zu Laurent's Kerntheorie. Keine von diesen beidenTheorien ist zu allgemeinerer Geltung gelangt; sie bilden aber mehr oderweniger die Brücke zu den neueren Anschauungen, und es lassen sichdarin die Keime der letzteren unschwer erkennen.

Hier mag es daher genügen, den Grundgedanken dieser Theorien auf-zuzeigen. Nach diesen Theorien erscheinen die organischen Verbindungengewissermaassen als ein Bau, dessen Baumaterialien oder richtiger Bau-steine die in bestimmter Weise aneinander gefügten Atome der Ver-bindung repräsentiren. Wird aus einem solchen Baue ein einziger Bau-stein herausgenommen, ohne ersetzt zu werden, so fällt er in sich zu-zusammen: der Charakter der Verbindung ist ein anderer geworden;tritt aber an die Stelle des herausgenommenen Bausteins ein andererwenngleich von verschiedenem Material, aber der gleichen Function fähig,so bleibt der Bau und sein Charakter erhalten. Um ein Beispiel zu wäh-len : wenn man aus einer Dachconstruction einen wesentlichen Balkenentfernt, so wird die Gleichgewichtslage derselben aufgehoben. Ersetztman aber den Holzbalken durch einen eisernen, so bleibt sie intact. Ver-bindungen, welche eine gleich grosse Anzahl von Atomen auf dieselbeWeise vereinigt enthalten, gehören nach Dumas demselben chemischenTypus an: sie zeigen dieselben Fundamentaleigenschaften.

Laurent verglich die organischen Verbindungen mit einer geometri-schen Figur, deren Kanten \md Ecken durch aneinandergelagerte Atomegebildet werden. Es kann dem Gerüste kein Atom entzogen werden,ohne dass es zusammenfällt; tritt dagegen an die Stelle des entzogenenAtoms ein anderes, so bleibt es erhalten (Kerne). Ausserhalb des Kernskönnen sich andere Atome anlagern, ja denselben sogar vollständig um-hüllen. Solche zusammengesetztere Verbindungen sind dann ähnlich wiedie Krystalle durch mechanische Mittel, durch chemische Einwirkungenspaltbar. Die Theorie unterschied Haupt- und Nebenkerne, abge-leitete (substituirte) Kerne u. s. w.

Eine grössere Geltung erlangte die

B^V*~