Vorwort zur zweiten Auflage.
Die günstige Aufnahme dieses Lehrbuchs in weiteren Kreisen hatdem Verfasser gezeigt, dass sein Bestreben, die Fülle der chemischenErscheinungen und deren Erklärung in möglichst gedrängter Form und"ach einem von dem Herkömmlichen etwas abweichenden Plane darzu-legen, von Erfolg begleitet war. Darüber freilich kann kein Zweifelmehr obwalten: eine reine deductive Behandlung der chemischen Lehreund Forschung wird erst dann möglich sein, wenn einmal das jetzt an-scheinend noch entfernte Ziel der Chemie, die experimentelle Begrün-dung und Ausnutzung des periodischen Systems der Elemente, erreichtsein wird. Bis dahin kann dem Lernenden der Ueberblick über einegrössere Anzahl von Thatsachen Anfangs niemals leicht werden, solangeer noch nicht ausreichende Kenntniss auch von den schon jetzt soManches überraschend einfach erklärenden Theorien erlangt hat; dieseletzteren aber bauen sich ihrerseits in logischer und überzeugenderForm erst auf einer Reihe von Beobachtungen auf. Dieses wechselseitigeVerhältniss von Thatsachen und den zu ihrer Feststellung dienendenMethoden einerseits, von Theorien und der Art ihrer Ableitung aus demBeobachtungsmaterial andererseits lässt sich nun am leichtesten — statt ander Gesammtheit des Systems, dessen empirische Entwickelung dann zu-nächst nothwendig wäre — an einem passend aus dem System herausgenom-menen, kleineren und daher für Jeden übersichtlichen Kerne entwickeln.Diesen Kern bilden nach längeren Erfahrungen des Verfassers am na-türlichsten die vier Organogene: Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff undKohlenstoff, also diejenigen Elemente, die mit ihren wechselseitigenVerbindungen seit einem Jahrhundert den Ausgangspunkt für dieNichtigsten Entdeckungen und Theorien gebildet haben. Ihr Studiumgenügt zu einer auch dem Anfänger leicht verständlichen Entwickelungder wichtigsten Grundgesetze und der daraus abgeleiteten Theorie vonden Atomen und Molecülen. Einmal mit diesen Fundamentalleliren ver-traut, wird ein Jeder im Stande sein, sich rasch den vollständigenUeberblick zu verschaffen über das periodische System - die theoretischwichtigste Errungenschaft der letzten Decennien und das grösste For-schungsproblem für eine absehbare Zukunft. Zur Begründung des wei-teren Ganges, in welchem an passenden Stellen, zugleich als Ruhepunktetur den Leser,'die übrigen wichtigsten Methoden und Detailhypotheseneingeschaltet sind, sei auf die auch in dieser Auflage wiederholten Aus-führungen auf S. 130 verwiesen.
Im Einzelnen wurden manche Abschnitte des Buches einer sach-gemässen Neubearbeitung unterworfen, die Entdeckungen der letztenp eit möglichst berücksichtigt und dabei stets die im Obigen dargelegtenGrundsätze thunlichst durchgeführt.
Heidelberg, im September 1895.
F. Krafft.