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Anorganische Chemie
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Vorwort zur dritten Auflage.

Der kurze Zeitraum seit Erscheinen der zweiten Auflage diesesBuchs hat für die anorganische Chemie werthvolle Beobachtungen aufden Gebieten sehr hoher und tiefer Temperaturen gebracht. Die elek-trischen Schmelzöfen wurden zur Ausführung von Keactionen bei früherunbekannten Hitzegraden benutzt; das mit ihrer Hilfe leicht zugänglicheAcetylen erscheint ebenfalls zur Erzeugung von Wärme sehr geeignet.Die Abkühlung, welche comprimirte Gase durch plötzliche Entspannungerleiden, genügte, um flüssige Luft in so grossen Mengen zu bereiten,dass ihrer wissenschaftlichen Benutzung nichts mehr im Wege steht undman bereits die Gewinnung technisch reinen Sauerstoffs, aus der ver-flüssigten Luft, für praktische Zwecke geplant hat. Einzig das in mehr-facher Hinsicht noch räthselhafte Helium hat bisher den Versuchen zurCondensation widerstanden.

Von welchem Nutzen eine möglichst vollkommene Reinigung allergasförmigen Substanzen durch den flüssigen Zustand hindurch werdendürfte, zeigen auch die grossen Schwierigkeiten, die einer ganz scharfenFeststellung des Atomgewichtsverhältnisses zwischen Wasserstoff undSauerstoff im Wege stehen. Indessen ist es nach den neuesten sorg-fältigen Untersuchungen zweifellos, dass das bisherige, auf die Wasser-stoffeinheit bezogene Atomgewicht, 15'96, für Sauerstoff durch die Zahl15'88, als dem Mittelwerth zahlreicher, gut übereinstimmender Resultate,ersetzt werden muss; dies hat aber eine beträchtliche Verschiebungsämmtlicher höheren, vom Sauerstoff abhängigen Atomgewichte zurFolge. Solange man nun noch nicht bestimmt annehmen kann, dassder Werth 15 - 88 ein ganz endgültiger ist, empfiehlt es sich, statt desVerhältnisses H : 0 = 1 : 15 - 88, der Berechnung der übrigen Atom-gewichte dasjenige 1.008 : 16.00 zu Grunde zu legen, indem man hier-mit dem Sauerstoff übereinkunftsgemäss den unveränderlichen Werth16.00 gibt; auf solche Weise bleibt die lange Reihe der höheren Atom-gewichte, die zudem experimentell grossenthcils aus Sauerstoffverbin-äungen abgeleitet wurde, vor störenden Schwankungen bewahrt. Denauf O = 16 bezogenen Atomgewichten wurde daher in dieser neuenAuflage, nachdem doch die auf O = 15"96 berechneten Zahlen wegfallenmussten, der Vorzug eingeräumt; auf der Tabelle S. 9 findet man aberauch die auf die bisher übliche Wasserstoffeinheit bezogenen neuenWerthe.

Argon und Helium wurden fortgesetzt namentlich mit Hilfe desSpeetroscops untersucht und zeigen, dass neben den weitreichenden undschwierigen Problemen des periodischen Systems noch andere existiren,die vielleicht dazu bestimmt sind, die Beantwortung der ersteren mitvorzubereiten.

Heidelberg, im September 1897.

F. Krafft.