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Der Wiederaufbau und die deutsche Wissenschaft : Festrede, geh. bei der Feier der Hamburgischen Universität zur Erinnerung an die Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1923
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I

zu gelten, auf deutschen Hochschulen oder in Wien studierten. Die Saat,die wir ausgestreut haben, ist drüben aufgegangen!

Ja, in manchen Zweigen der Naturwissenschaften, so in der an-gewandten Insektenkunde, haben die Nordamerikaner durch ihre nichtnur sehr reichen, sondern auch trefflich organisierten und durch einengroßen Stab erstklassiger Spezialisten Hervorragendes leistenden Anstaltenuns schon seit längerer Zeit überholt; und ähnliches gilt auch für anderenaturwissenschaftliche Fächer, z. B. die experimentelle Biologie 1 ),während ich über die nordamerikanischen Fortschritte in den mir ferner-liegenden Wissenschaften, zumal in den reinen Geisteswissenschaften,natürlich nicht urteilen kann. Es wäreVogel-Strauß-Politik", wennwir vor diesen Tatsachen die Augen zudrücken wollten, um auf unserenLorbeeren auszuruhen.

Und dazu die heutige verzweifelte Lage unserer deutschenForschungsinstitute! Gewiß, wir haben noch unsere hervorragendenGelehrten;noch steht", um mit Strümpell zu sprechen,nicht nur derDollar, sondern auch die deutsche Wissenschaft hoch im Kurse". Aberwer wird es dem talentvollen, jungen deutschen Forscher verargen können,ihm, der daheim mit seiner Familie darbt, der im Laboratorium seine neuenIdeen aus Mangel an den nötigsten Instrumenten und Gebrauchsgegen-ständen nicht weiter verfolgen kann, wenn er lockenden Angeboten insAusland Folge leistet, um dort sorgenfrei seiner Wissenschaft leben zukönnen? Die Folgen davon können auch für unsere Industrie nicht aus-bleiben. Auf Beispiele mag ich hier nicht eingehen.

Der Staat ist bankerott; so lebhaft er es wünscht, er kannnicht ausreichend helfen. Ein schönes, ich glaube am Ministertischegefallenes Wort versprach zwar dieletzte Mark" der deutschen Wissen-schaft. Aber die letzte Mark wenn wir überhaupt noch eine übrighaben, die muß jetzt ja für das hungernde Volk bleiben.

Die deutsche Wissenschaft ist mithin auf die Unterstützung durchPrivatmittel angewiesen, und dankbar erkennen wir es an, daß solcheihr auch vielfach reichlich auch von Hamburgischer Seite und denAuslandsdeutschen gespendet werden: Denn wenn Handel undIndustrie die angewandten Wissenschaften nicht weitblickendschon im wohlverstandenen eigenen Interesse retten, wenn diebesitzenden Klassen für die Erhaltung der reinen Geisteswissen-schaften den Stolz der deutschen Kultur nichts übrighaben, so trocknet die deutsche Wissenschaft unfehlbar ein!Dann freilich ist sie nicht mehr in der Lage, ihre Aufgabe, amWiederaufbau Deutschlands mitzuarbeiten, zu erfüllen!

Ich hätte gewünscht, Ihnen ein weniger düsteres Bild entwerfen zukönnen. Aber wir leben in einer bitterbösen Zeit!

Die meisten von Ihnen, liebe Kommilitonen, werden nicht an einefröhliche, sorgloseBurschenherrlichkeit" zurückdenken können, die unserStudentenleben verschönte. Aber frischen Jugendmut und helle Begeisterung

i) So schrieb schon 1905 einer unserer angesehensten Biologen (J. vomUexküll):Man braucht nicht Prophet zu sein, um es auszusprechen, daß dieBiologie in wenigen Jahren eine amerikanische Wissenschaft sein wird."