Einen viel beträchtlicheren Einfluss auf die zweifelloseAbnahme der Krankheitsvortäuschungen namentlich zumZwecke der Militärbefreiung hat die fortschreitende Ver-tiefung medicinischer Erkenntniss ausgeübt. Freilich wirdim Einzelfalle die Erkenntniss des wahren Sachverhaltesnicht lediglich von der Pathognostik vermittelt, sondernzugleich von dem auf diesem Betrugsgebiete gesammeltenbesonderen Erfahrungsschatze, dessen sich der ältere Arztmeist mehr als der jüngere erfreuen wird.
Allgemeines über die Entlarvung.
Ehedem, als die Krankheitsvorspiegelungen noch mehrim Schwange waren als es jetzt der Fall ist, galt vielenAerzten, die es oft mit Spiegelfechtern zu thun hatten,als Leitgedanke für ihr allgemeines Verhalten das Nemopraesumitur bonus. Heute ist dieser Satz aus dem Pro-gramm der Aerzte gestrichen; und man erkennt allgemeinan, dass Menschlichkeit und Klugheit es fordern, jeden,der sich für krank ausgiebt, so lange als krank anzusehenund zu behandeln, bis das Gcgentheil, das Nichtvorhanden-sein einer Krankheit, erwiesen ist.
Die Mittel zur Entlarvung sind in der Verkehrsweisedes Arztes mit seinen Kranken, in seiner Denk-Gesetz-mässigkeit, in seiner wissenschaftlichen Erfahrung und ineiner gründlichen Untersuchung gegeben.
Der Arzt bewahre in seinem Verhalten dem Krankengegenüber volle Objectivität, unerschütterliche Ruhe, Gleich-mässigkeit und Geduld. Hiervon darf ihn auch derZweifel an der Wahrheitsliebe des Klagenden nicht ab-bringen. Der Letztere soll über die eigentliche Meinungdes Arztes unklar bleiben; darum ist weder ihm selbstnoch auch andern mit der Krankenpflege betrauten Per-sonen die wahre Ansicht des Arztes kund zu thun.
Was nun die Untersuchungen des Kranken betrifft, somüssen diese von der strengsten Denk-Gesetzmässigkeit